Die Einreise in Azerbaijan war unkomplizierter als angenommen, nachdem ich von Tom Büchi via email bereits erfahren hatte, dass für das Motorrad 5 USD an Versicherung zu bezahlen waren und es nur 72h im Land bleiben darf, gab es keine Überraschungen mehr. Mit Sturm Graz war wieder schnell ein gemeinsames Gesprächsthema an der Grenzstation gefunden, dass den Abfertigungsprozess um einiges beschleunigte. Es ist eigentlich unglaublich, wie viele Menschen in dieser Ecke der Erde noch aus der Zeit der Champions-League den Verein kennen. Sobald ich sage, dass ich aus Graz stamme, werde ich auf Fußball angesprochen. Das war auch in der Türkei und Georgien so, aber besonders oft hier in Azerbaijan.

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Baku ist eine prosperierende moderne Öl-Metropole am Kaspischen Meer. Das Land bezieht seinen Reichtum aus den Öl- und Gasvorkommen, die Skyline mit den unzähligen Banken, First-Class Hotels und Nobelgeschäften, die überfüllte Straßen mit Luxus-Karossen sind der Beweis für die sprudelnden Petro-Dollars. Das Geld wird investiert, es herrscht rege Bautätigkeit im Zentrum der Stadt – von Wirtschaftskrise keine Spur. Besonders der gepflegte und saubere Eindruck den Baku im Gegensatz zu vielen anderen Städten in dieser Region hinterläßt, faellt auf. Die Menschen sind durchwegs freundlich und nett, westlich gekleidet und obwohl der Großteil der Bevölkerung Muslime sind, sieht man nur sehr wenige Frauen mit einem Kopftuch.

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Blick auf Baku

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Auch hier gibt’s eine erfolgreiche Kapital-Bank

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Das Wahrzeichen an der Promenade – ein Öl-Bohrturm, Sinnbild für den Reichtum des Landes

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Eines der Theater im Zentrum

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Schöne breite Straßen und teure Autos sind leider nicht automatisch ein Garant für gepflegten Fahrstil. Motorradfahren ist absolut eine Herausforderung in Baku, mich haben 2 Azeris angesprochen die ihr Motorrad wieder verkauft haben, weil es ihnen zu gefährlich war. Es wird an den Ampeln zwar angehalten, aber sobald das Licht auf Grün schaltet, geht es ähnlich rücksichtslos zu wie bei einem Start in der Formel 1. Im Pulk wird auf höchstmögliche Geschwindigkeit beschleunigt und dabei bis zur nächsten Ampel aufs Härteste um jeden Platz gekämpft.

Für mich war das ein überzeugendes Argument, die Stadt ausschließlich zu Fuß und mit Taxi zu besichtigen.

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Das alte Baku – Festung und Anlaufstelle für Karawanen der Seidenstraße

 

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Was noch auffällt ist, es gibt in dieser Stadt anscheinend keine Ansichtskarten und Internet-Cafes sind nur spärlich in Kellern versteckt vorhanden. W-Lan Verbindungen in Bars oder Cafes werden nicht angeboten, jedoch kann man sie in den Luxus-Hotels bekommen. Allerdings auch zu astronomischen Kosten, pro Stunde wird ungefähr der gleiche Betrag verrechnet, den ich zu Hause für 2 Monate Internetzugang bezahle.

Mit der Überquerung des Kaspischen Meeres ist nach ungefähr 7.500 km meine Anreise beendet. Ab diesem Punkt beginnt die eigentliche Reise durch Zentralasien, entlang verschiedener Routen der historischen Seidenstraße bis in den Pamir.

Gleichzeitig war dieser Seeweg aber auch die erste große Unbekannte. Im Zuge der Vorbereitung hatte ich eine Reihe von unterschiedlichen Informationen aus dem Internet und dem Lonely Planet zur Fährverbindung erhalten. Wahre Horrorgeschichten, die Kernaussage war durchwegs die gleiche – von unregelmäßigem Fahrplan bis zu tagelangen Wartezeiten an Bord war dabei die Rede. So ein Fall wäre für mich eine mittlere Katastrophe, mein Zeitfenster für eine Überfahrt war extrem eng – einerseits hatte ich nur eine beschränkte Wartezeit auf eine Fährverbindung wegen der 72h für mein Motorrad, andererseits die Beschränkung durch das 5-Tage Transitvisum für Turkemenistan beginnend mit 1. oder 2. Mai.
Deshalb war meine erste Anlaufstelle in Baku das Ticket-Office der staatlichen Fährgesellschaft. Mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Russisch konnte ich dort erfahren, dass ich am Tag der eigentlichen Abreise um 10 Uhr vor Ort sein solle, ich bekäme dann das Ticket. Die Fähre transportiert Eisenbahnwagons, sollte um 11 Uhr eintreffen, wird sofort ent- und wieder neu beladen und tritt die Überfahrt nach Turkmenbashi um ca. 14 Uhr an.
Genau so ist es am 30.April auch eingetroffen – ohne Verzögerung gings nach der Verladung aufs Meer.
Die Überfahrt für das Motorrad und mich kostete 200 USD, dabei gingen ca. 20% als Bakshish verloren. Der nette Herr vom Ticketschalter bestand auf Barzahlung in USD, die Rechnung wurde in Manat, der Landeswährung ausgestellt. Auf Grund seines kreativen Wechselkurses blieben ihm genau 40 USD als Spesen. Da ich die Überfahrt nicht gefährden wollte, diskutierte ich nur halbherzig mit ihm.

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Das goldige Lächeln kostete 40 USD

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Das „berühmte“ Ticket-Office für die Fähre nach Turkmenbashi

 

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Die Verladung meiner Kati

Außer mir waren noch 3 ältere Damen aus Turkmenistan, die anscheinend einen Einkaufstrip in Baku zurück kamen, an Bord. Von der Crew konnte ich erfahren, dass insgesamt 9 Schiffe täglich zwischen diesen beiden Häfen verkehren, wobei bis auf 2 alle Passagiere mitnehmen. Von den 32 Mann Besatzung sprach einer etwas Englisch und einer etwas Deutsch. Das war ausreichend, um sich den ganzen Tag blendend zu Unterhalten, Tee zu trinken und von jedem Mannschaftsmitglied mindestens ein Foto zu schießen.Die Überfahrt war ruhig, wir hatten hervorragendes Wetter, von den Temperaturen ein erster Vorgeschmack auf das, was mich in den kommenden Wochen in den Wüsten erwarten wird. Die Route führte uns während der Nacht entlang beleuchteter und Gas abfackelnder Ölplattformen.

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Für die 315 Km benötigten wir 14 ½ Stunden, gegen ½ 5 Uhr früh waren wir wie vorausgesagt in Turkmenbashi. Ich hatte mir extra den Wecker gestellt und war nach 2 h Schlaf voll motiviert als die Ankerkette ins Wasser rasselte. Voll adjustiert und beide Hände bepackt stand ich an Deck als ich an den Lichtern erkennen mußte, dass der Hafen noch mindestens 3 Km entfernt war. Wir parkten vor der Hafeneinfahrt als eines von 20 Schiffen – das sollte dann auch auf unbestimmte Zeit so bleiben. Der Grund lag darin, dass im Hafen von Turkmenbashi nur 2 Schiffe zur gleichen Zeit be- und entladen werden können, aber weitaus mehr Schiffe den Hafen anlaufen. Nach welchem System die Schiffe in den Hafen gerufen werden, oder wie lange es voraussichtlich dauern würde, konnte mir niemand erklären. Meine Frage, was wir jetzt tun können, wurde kurz und bündig mit fast buddhistischer Gelassenheit beantwortet: Essen und Schlafen!

 

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Die Crew – bei der Arbeit auf der Brücke…

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… und beim Schlafen, Essen und vor allem Trinken.

Wie ich dann im Laufe des Tages herausbekam, lagen zu diesem Zeitpunkt 2 Schiffe bereits seit 15 Tagen vor dem Hafen und warteten auf Einfahrt. Sollte dies mit uns auch geschehen, hätte ich ein massives Problem gehabt. Nachdem ich vor dem Betreten des Schiffes offiziell aus Azerbaijan ausreisen musste, wäre ich im Extremfall auf einer Fähre in einem Binnenmeer gefangen gewesen, ohne ein einziges gültiges Visum für eines der angrenzenden Länder zu besitzen. Aus solch einer Situation wieder herauszukommen ohne dabei die Reise abbrechen zu müssen, ist sicherlich eine spannende und kostenintensive Aufgabe.

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Wartende Schiffe vor Turkmenbashi

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Eines der Schiffe, das bereits seit 15 Tagen vor Anker lag

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Schließlich war es dann doch nicht so schlimm, denn nach ca. 20h Wartezeit konnten wir um 2 Uhr früh am nächsten Morgen im Hafen von Turkmenbashi einlaufen. Ab nun befand ich mich endlich in den „Stans“.

 

 

 

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