In der Früh noch schnell ein Sesamkringerl mit Ayran gegessen, das Thermo-Futter der Motorradbekleidung entfernt, das Motorrad vom Staub der vergangenen Woche befreit, das Gepäck festgeschnallt und der Abfahrt stand nichts mehr im Wege.
Geplant war erst einmal, entlang des Marmarameeres bis an die türkische Westküste bei Canakkale zu fahren, dann in Richtung Süden weiter ein paar historische Ausgrabungsstätten besuchen und von dort über Izmir, Pamukkale und Konya ab in den Osten, ins anatolische Hochland.

Kappadokien

Die Anreise unter Zeitdruck von Graz nach Istanbul war ein ständiges Gas geben, überholen und abbremsen. Abgesehen davon, dass es sich dabei nicht um die ökonomischste Form des Fahrens handelte, war es auch sehr anstrengend.
Die astronomischen Spritkosten und der angenehme Zeitpolster haben bei mir deshalb zu dem Entschluss geführt, die Reisegeschwindigkeit vorerst bis Baku auf höchstens 100 Km/h zu beschränken.
Nachdem ich normalerweise gerne zügig unterwegs bin wenn die Bedingungen passen, wird das eine ernstzunehmende Herausforderung – sozusagen ein ganz privates Persönlichkeitsentwicklungsseminar auf 2 Rädern.

Um ½ 8 Uhr morgens ist der Verkehr in Istanbul noch erträglich, erst eine Stunde später beginnen die übliche Staus. Den richtigen Weg zu finden war kein Problem, mit moderater Geschwindigkeit ging`s dann los Richtung erste Panne. Die Kette war bereits nach einer Stunde Fahrt gerissen, nach dem Ausrollen auf der 2-spurigen Autostraße musste sie erst einmal wieder zwischen dem vorbeidonnernden Schwerverkehr gefunden und aufgenommen werden. Das gute Stück war vor Ort nicht zu reparieren. Also Ersatzkette raus, auf dem Pannenstreifen montieren und nach 1 Stunde wieder zurück auf die Straße.
Entlang der Küste des Marmara-Meeres führt zwischen den Klippen eine kaum befahrene Schotterstraße Richtung Süden. Neben dem unvergleichlichen Ausblick war das auch die erste Gelegenheit, das Fahrverhalten mit 70 Kg (Rucksack, Packrolle, Geländereifen und 2 Alu-Koffer) Hecklast auf unbefestigtem Untergrund zu testen.

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Die Zuladung verschiebt den Fahrzeug-Schwerpunktes nach hinten und verursacht deshalb bei geringer Geschwindigkeit bereits auf normalem Straßenbelag ein kaum kontrollierbares Schlingern entlang der Längsachse. Auf Schotter wirkt dieser Effekt noch verstärkt. Mit schnellerer und stehender Fahrt läßt sich aber trotzdem genug Druck auf den Vorderreifen bringen, um halbwegs stabil vorwärts zu kommen. Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch die Straßenreifen aufgezogen, weshalb ein wirklicher Test mit höheren Kurvengeschwindigkeiten nicht möglich war. Dafür sollte es aber spätestens ab Turkmenistan noch laufend Gelegenheiten geben.

Am 11. April war um ca. 14:00 bei Canakkale das geografische Europa wohl endgültig für längere Zeit verlassen.

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Der erste Stopp in Asien war Troja – Die Stadt des König Priamos, der schönen Helena und des Paris, zerstört unter Führung des Agamemnon, dabei unterstützt von Odysseus und Achilles. Die alten Griechen mit ihren Schiffen und Kriegern waren für den Untergang verantwortlich, heute sind es die Busse mit Horden von devisenbringenden Japanern, Spaniern oder Deutschen, die für ein vergleichbares Chaos in dem was übrig geblieben ist sorgen.
Ein Bild übrigens, dass sich an allen historischen Stätten und sonstigen Sehenswürdigkeiten entlang meiner Route bis nach Göreme in Zentralanatolien laufend wiederholen wird.

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Troja bei Wikipedia
Eine genaue Beschreibung der Sehenswürdigkeiten werde ich nicht vornehmen, stattdessen stelle ich wenn möglich einen Link zu Wikipedia her.

Weiter ging´s nach Ephesos, einer der bedeutendsten und ältesten antiken griechischen Städte in Kleinasien. Geburtsstätte von Heraklit und Xenophon, unter römischer Herrschaft mit 200.000 Einwohnern eine der größten Städte des Imperiums – das gut erhaltene Amphitheater, die Tempel und Prachtstraßen zeugen vom Glanz vergangener Tage.
Ephesos bei Wikipedia

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Ich konnte bis jetzt sehr stolz auf mich sein, denn ich hatte eigentlich immer die freiwillige Geschwindigkeitsbeschränkung eingehalten. Um so tiefer saß die Verwunderung als ich bei der ersten Radarkontrolle mit gemessenen 90 Km/h aufgehalten wurde und die Beamten mir erklärten, in der Türkei gelte 70 Km/h für Motorräder – was ich bis zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht wusste. Nach einigen Diskussionen ließ man mich mit einer Verwarnung fahren, ich bekam wohl den Touristen-Bonus. Als knapp eine halbe Stunde später das Gleiche nochmals passierte, schlich sich zu meiner ohnehin bekannten Lernresistenz in Sachen Tempoüberschreitung auch noch eine Gefühl von Unverwundbarkeit ein. Egal wie schnell ich fahre, mir wird nichts passieren.
Die hielt genau so lange, bis ich auf die nächste Kontrolle traf, die nicht mehr mit sich reden ließen – das bedeutete ca. 100 € für knapp 10 Km/h Übertretung bar auf die Hand – die Höhe scheint mir Ideal an den Benzinpreis angepasst. Die Polizisten ließen auch die Wahl, eine ca. 30% höhere Strafe innerhalb eines Monats zu begleichen. Kurz hatte ich mit dem Gedanken gespielt, das Ticket zu nehmen und nicht zu bezahlen. Da aber bei der Einreise in die Türkei sämtliche Personal- und Fahrzeugdaten elektronisch erfasst wurden, hätte ich wohl spätesten bei meiner Ausreise nach Georgien Schwierigkeiten bekommen.
Die darauf folgenden bankomatkartenschonenden 70 Km/h bis nach Pamukkale waren aufreibend, bei gezählten 4 weiteren Kontrollen auf den nächsten150 Km aber zumindest sinnvoll. Zusätzlich brach an diesem Tag auch noch der Sturzbügel, der darauf hin ausgebaut, geschweißt und wieder zusammengebaut werden mußte.
Mein Hotelwirt in Pamukkale, dem ich später von diesem Vorfall mit der Polizei erzählt hatte, gab mir den Tipp, bei weiteren Kontrollen einfach Gas zu geben und mit hoher Geschwindigkeit durch zu fahren. Die türkischen Polizisten seien zu faul für eine Verfolgungsjagd. Ob dem so ist, weiß ich nicht. Eine Überlegung ist es auf jeden Fall wert.
Pamukkale bei Wikipedia

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Den Schock der ersten Strafe verdaut, ging´s wieder mit meinen 100 Km/h nach Konya ins Mevlana-Kloster, 400 km geradeaus in den Osten.

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Herrliche Landschaft auf dem Weg durch West-Anatolien

Das Kloster selbst ist heute ein Museum, leider herrscht dort Fotografierverbot.
Wie man sieht, konnte ich trotzdem einige Bilder aus der Hüfte schießen, bis die Aufseher das mitbekamen und mich höflich hinauskomplementierten.
Mevlana bei Wikipedia

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Das Grab von Dschalal ad-Din ar-Rumi (Mevlana), dem Begründer des Derwisch-Ordens

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Betende Frauen am Grab des Ordensgründers

Nach kurzem Aufenthalt treibt´s mich weiter nach Göreme in Kappadokien, nochmals knapp 300 Km weiter in den Osten. Als ich das letzte Mal vor 20 Jahren hier war, war es noch ein netter kleiner Ort mit einigen wenigen, in den Tuff-Höhlen untergebrachten Pensionen. Das Bild hat sich zur Gänze geändert, heute ist Göreme voll touristisch Erschlossen, mit einer Flaniermeile wie in Lignano und den dazupassenden Hotels und Bars. Auf den Besuch im Museum habe ich verzichtet, nachdem ich mich für die Besichtigung der Kirchen in den Tuff-Höhlen hinter 3 vollen Bussen mit japanischen Touristen einreihen hätte müssen.
Kappadokien bei Wikipedia

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Erste Übernachtung bei Regen und Sturm im Zelt. Auf dem Campingplatz in Göreme traf ich einen jungen Australier mit seinem Motorrad, der bereits seit Dezember den ganzen Winter hindurch durch Europa unterwegs ist und weiter nach Syrien fährt. Er war in London im Investmentbanking tätig und hat im Moment – völlig überraschend – eine Menge Zeit für Reisen.

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Die nächste Etappe sollte der Nemrut Dag in der Nähe von Malatya sein, mit einem kurzen Abstecher zur syrischen Grenze, bevor es endgültig durch die schneebedeckten Berge zur georgischen Grenze geht. Ich freue mich über jeden Kommentar.
LG bis zum nächsten Bericht.

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