Obwohl individuelle Routenanpassungen zum Alltag solch einer Reise gehören, ist es doch ärgerlich wenn bereits der erste Teilabschnitt völlig anders verläuft, als geplant. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, über Ungarn, Rumänien, die Republik Moldau, die Ukraine und Russland vom Norden her bis nach Azerbaijan zu fahren, um dort mit der Fähre über das Kaspische Meer nach Turkmenbashi in Turkmenistan überzusetzen. Vier Tage vor meiner Abreise hatte ich nun erfahren, dass ich die dafür notwendigen Visa für Russland und Turkmenistan nicht ausgestellt bekam.

3 ½ Monate vor dem geplanten Reiseantritt, Mitte Dezember, begannen bereits meinen Visa-Vorbereitungen. Da ich mir von Graz aus die Konsulatwege in Wien ersparen wollte, beauftragte ich auf Empfehlung eines bekannten Reisebüros eine Visa-Vermittlungsagentur in Wien mit den Formalitäten für die Visa-Einreichungen.
Der Herr von der Firma Visum-Support war beim Erstkontakt sehr bereitwillig und klang kompetent, erklärte mein Anliegen sei kein Problem, empfahl mir einen zusätzlichen, zweiten Reisepass ausstellen zu lassen für den Fall, dass es beim einen oder anderen Konsulat länger dauern sollte und versprach, er wolle sich innerhalb einer Woche nach Einholung einiger Informationen wieder bei mir zu melden.
Ich organisierte brav wie aufgetragen meinen zweiten Reisepass und als ich nach zwei Wochen freundlich nachfragte, wie so die Dinge stehen hörte ich, er habe sich erkundigt, alles lief prima im Zeitplan, er werde mir noch ein paar Unterlagen zusenden und dann ginge es los. Beim nächsten telefonischen Kontakt meinerseits nach einer weiteren Woche ohne die zugesagten Unterlagen war er leider nicht mehr erreichbar, seine Kollegin erklärte er sei laufend in Kundengesprächen, dürfe nicht gestört werden und außerdem sei der Mail-Server kaputt, man könne auch keine Emails empfangen oder versenden.
Als ich ein paar Tage später nach weiteren drei Kontaktversuchen eindringlich darauf bestand zurückgerufen zu werden erfuhr ich, mit so einem Druck meinerseits könne man nicht umgehen und trete deshalb vom Auftrag zurück.

Für mich war klar, ich war bereits im ersten Anlauf auf das schwarze Schaf der Branche gestoßen und ließ mich deshalb nicht davon abhalten, mit der nächsten Agentur Kontakt aufzunehmen, weil es kann ja nur besser werden.
Meine Wahl fiel auf Veloce-Visumservice.Um es gleich vorwegzunehmen – die Versprechungen waren die selben, die Damen klangen sehr bemüht, erklärten wiederum alles sei kein Problem und nahmen auch sofort die Pässe zur Bearbeitung an. Man werde sich besonders bemühen, nachdem ich ja bereits 4 Wochen durch die andere Agentur verloren hatte.

Nach zwei Monaten und zig Beteuerungen es laufe alles bestens, stand ich schließlich 4 Tage vor meiner Abreise ohne ein einziges der vereinbarten Visa da. Als Erklärung bekam ich, man könne es sich nicht erklären. Aber ich könne mich glücklich schätzen, denn man zeige guten Willen und verzichte freiwillig auf den Lohn der eigenen, harten Arbeit. Wobei ich anhand der zurückgesandten Unterlagen erkennen konnte, dass zwei der drei beantragten Visa einfach nicht eingereicht wurden.

Da hinter solch einem offensichtlich branchenbedingten Wahnsinn anscheinend System steckt, keimt in mir die Vermutung, in diesem Geschäftsfeld tummeln sich nicht wie üblich einige schwarze sondern ausschließlich nur Schafe.

Mein Ratschlag an all jene die in exotischere Gebiete Reisen möchten: die Visa unbedingt selbst beantragen – auch wenn dies bedeuten sollte, dass man mehrmals weitere Strecken zu den Konsulaten anreisen muss.

Die neue Route: 1. Etappe nach Istanbul

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Improvisation ist angesagt – der neue Plan lautet nun die Anreise nach Azerbaijan über die Türkei und Georgien zu starten und die notwendigen Visa für die Weiterreise nach Turkmenistan und Usbekistan in Istanbul zu organisieren, da es sowohl in Georgien als auch Azerbaijan keine Vertretung von Turkmenistan gibt.
Ob sich ein Kurzbesuch in Jerewan / Armenien ausgeht werde ich wohl in Tiflis / Georgien entscheiden müssen.

Da die Ausfertigung eines normalen 30-tägigen Touristenvisums für Turkmenistan zumindest 4-6 Wochen in Anspruch nimmt, muss ich nun versuchen ein 5-tägiges Transitvisum zu erhalten, das ebenso wie das usbekische Touristenvisum innerhalb einer Woche fertig sein sollte.
5 Tage Durchreise sind wenig für ein Land wie Turkmenistan mit einer geschätzten Strecke von 1300 km, vor allem wenn man bedenkt, dass es immer wieder zu Verzögerungen mit der Fähre aus Baku kommen kann. Sollten noch ein, zwei Tage Verspätung dazukommen, wird’s eng. Abgesehen davon, dass dieses Land absolut sehenswert ist und ich wohl irgendwie durchhudeln werde, ist es ebenso berüchtigt für seine langwierigen, Bakshish-intensiven Polizeikontrollen mit ausgedehnten Wartezeiten.
Den beabsichtigten Trip durch die Wüste Karakum mit den einzigartigen Gaskratern kann ich damit vergessen, bleibt mir als Ersatz nur noch die Wüste Kizilkum in Usbekistan.
Wenigstens liegen die meisten anderen der ursprünglich beabsichtigten Besichtigungsziele an der direkten Route zwischen kaspischem Meer und der Usbekischen Grenze.

Das fehlende Visum für Azerbaijan hatte ich glücklicherweise schon einige Zeit zuvor selbst in Wien beantragt, da diese Botschaft wohl in weiser Voraussicht keine Vermittler akzeptiert.

Auf Grund einer ausgedehnten Schlechtwetterfront ging´s einen Tag später als ursprünglich vorgenommen – am Dienstag den 31. März um 6:00 morgens – von Graz aus los. Mein Weg nach Istanbul führte am ersten Tag über Murska Sobota in Slowenien, Szeged in Ungarn bis nach Sebes – kurz vor Sibiu / Herrmannstadt – in Rumänien.

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Die Entscheidung einen Tag wegen des Schlechtwetters zuzuwarten war goldrichtig, denn so hatte ich zumindest für den ersten Tag trockene Straßenverhältnisse. Meine Route bis nach Szeged war auf Nebenstrassen gewählt, was zwar nicht für rasches vorankommen aber immerhin für ein angenehmes Fahrgefühl ohne Transitverkehr sorgte. Ab Szeged reiht man sich dann auf eine der Nord-Süd Transitachsen zwischen Istanbul und Mitteleuropa ein, ein Umstand der sich unmittelbar durch starkes Schwerverkehrsaufkommen und zähem Verkehrsfluss bemerkbar macht. Ab hier wurde es deutlich mühsamer. Nach 800 km und 13 h auf dem Motorrad war dann in Sebes / Rumänien Schluss für den ersten Tag.

An den nächsten beiden Tagen regnete es fast durchgehend, die Reisegeschwindigkeit war entsprechend anzupassen, die Fahrt entpuppte sich ob der LKW-Flut im Regen als mentaler Hürdenlauf. Trotzdem ging es bis zu dem Zeitpunkt zwar langsam aber stetig vorwärts, als mir kurz vor Bukarest der Erste meiner Verzurrgurte riss.
Es war einer dieser handelsüblichen mit Ratsche als Spannvorrichtung und einer nominellen Höchstbelastung von 500 kg. Man sollte meinen, dass solche Gurte normalerweise für insgesamt 40 Kg Gepäck bestehend aus Rucksack, Gepäckrolle und Ersatzreifen reichen sollten, zumal ich 4 Stück davon verwendete.
Die Reste des Gurtes mussten in mühevoller Kleinarbeit zwischen hinterem Ritzel und Speichen herausgelöst werden, glücklicherweise war bei der nächsten Tankstelle schnell gleichwertiger Ersatz gefunden. Der neue hielt übrigens genau 2 km bevor auch dieser riss und ich wieder kunstvoll im Hinterrad verwickelte. Nächste Tankstelle, nächster Gurt – diesmal ein stärkerer mit einer Belastbarkeit bis zu 2 Tonnen. Das mußte jetzt aber endgültig reichen, dachte ich.
Die Straßen rund um Bukarest sind in einem extrem schlechten Zustand. Bedingt durch den Schwerverkehr reihen sich Schlaglöcher und bis zu 30cm tiefe Fahrrillen nahtlos aneinander – für ein Enduro von KTM zwar keine besondere Herausforderung, trotzdem führt es zwangsläufig zu holpriger Fahrt und ständigem geschüttel. Hier muss er irgendwo gerissen sein, der Dritte meiner Gurte– diesmal leider unbemerkt.

Als ich eine Stunde später an den bulgarischen Grenzübergang bei Rusa kam, machte mich einer der Zöllner darauf aufmerksam, dass es aus meinem Gepäck heraustropfe. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf die bescheuerte Idee kam, einen 4l Kanister mit Motoröl in meinen Rucksack zu meiner Trekking-Ausrüstung zu packen. Ich wollte die Seitenkoffer nicht zu stark belasten, hätte aber sicherlich auch einen besseren Platz dafür finden können.
Jedenfalls war diesmal die Aufladung verrutscht – leider direkt über den Auspuff. 10 cm im Durchmesser war das von den heißen Abgase in den Rucksack, den Ölkanister und einen beträchtlichen Teil meiner Wanderbekleidung gebrannte Loch. Alles was nicht schmolz, wurde gründlich vom Öl versaut. Dabei hatte ich wohl noch Glück, denn auch ein Feuerzeug war zur Gänze zusammengeschmolzen. Hätte das ölgetränkte Gepäck während der Fahrt zu brennen begonnen, wäre die Reise an dieser Stelle voraussichtlich zu Ende gewesen.

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Noch auf dem Vorplatz der Grenzstation musste ich einen Großteil meiner Ausrüstung aussortieren und wegwerfen, einzig meine Bergschuhe und die Regenjacke waren noch zu retten. Wirklich leid tut es mir um meinen Rucksack, mit dem ich schon tausende Kilometer am Rücken durch Anden und Himalaya gewandert war. Werde wohl ein, zwei ausgedehnte Shopping-Touren in Istanbul einschieben müssen.
Jedenfalls war der triste Zöllneralltag durch mich jäh unterbrochen, der Grenzübergang für 30 min teilweise lahmgelegt. Jeder der Beamten der nur irgend wie konnte, sah zu und gab mir, soweit ich es verstehen konnte, freundliche Tipps und Ratschläge, brachte Papiertaschentücher oder stellte Fragen während ich Stück für Stück wegwerfen musste.
Normalerweise freut mich so eine rege Anteilnahme, in diesem speziellen Fall führt so ein Auflauf Schaulustiger eher zu einem rapiden Anstieg des Stresshormon-Spiegels.

Der gröbsten Sauerei Herr, ging´s mit deutlich leichterem Gepäck weiter bis zur nächsten Tankstelle und einem neuen 2-Tonnen Gurt. Ab nun war das Gepäck mit der gleichen Intensität abgesichert wie bei einem Holztransport, das sollte nun zumindest bis Istanbul reichen.
Das Ziel der Tagesetappe hieß schließlich Veliko Tarnovo, die ehemalige Hauptstadt Bulgariens. Ein sehr hübscher, touristisch voll erschlossener Ort mit historischem Stadtkern und angenehmen Hotels – genau das richtige nach 600 km und 12 h im Regen.

Aus dem Aufbruch um 7 Uhr Früh des nächste Morgen wurde nichts, ich kam erst gegen 10 Uhr weg. Zu schlecht waren die Bedingungen bei Tagesanbruch – starker Regen und Nebel erlaubten es nicht. Das Wochenende stand vor der Tür, deshalb musste das Etappenziel für diesen Tag trotzdem Istanbul heißen, wollte ich nicht zu viel Zeit bei der Organisation meiner Visa verlieren. Das bedeutete durchbeißen und wieder auf die Piste.
Die Bedingungen wurden auf dem Weg nach Stara Zagora noch schlechter. Abwechselnd Platzregen, Minusgrade, Schneeregen und Nebel hielten auf der unübersichtlichen, schmalen Gebirgsstraße die Durchschnittsgeschwindigkeit auf unter 30 Km/h. Die ohnehin miserablen Sicht verschlechterte sich noch durch die angelaufenen Brillen unter dem Visier. 2 Stunden Extrembedingungen, alle 10 Minuten stehen bleiben, Visier und Brillen reinigen – bereits die erste Herausforderung obwohl ich noch am Anfang der Reise stand.

Aber auch dieser Ausnahmezustand ging dann irgendwann wieder vorbei. Die Straßen wurden breiter, der Regen schwächer und die Temperaturen stiegen merklich an, als sich aus dem Balkan-Gebirge heraus die weite Ebene in Richtung Türkei auftat. Vor Haskovo hörte der Regen schließlich ganz auf, ab jetzt war es Zeit Gas zu geben. Die Grenze in die Türkei war problemlos und rasch überquert, die letzten 250 km bis ins Ziel nur mehr Autobahn.

Je näher man der 20 Millionen Stadt Istanbul kommt um so dichter wird der Verkehr. Im Großraum Istanbul war es dann aus – kilometerlange Staus auf der zum Teil 4-spurigen Autobahn machten ein zügiges vorankommen gegen Ende des dritten Anreisetages unmöglich.

Der durchschnittliche Verdienst liegt in der Türkei bei ungefähr einem Drittel im Vergleich zu einem österreichischen Einkommen. Deshalb verwundert dieses Verkehrsaufkommen um so mehr, wenn man den Benzinpreis von 1,50 € pro Liter berücksichtigt. Selbst wenn die Menschen hier am Bosporus das Doppelte vom Rest des Landes verdienen sollten, müsste ein Großteil des Monatsbudgets für Sprit draufgehen.

Wie auch immer – nach 3 Tagen, 33 h Fahrzeit, 1950 km und 5 Tankfüllungen ohne ernsthafte Schwierigkeiten war es am frühen Abend schließlich soweit, in Stadtteil Aksaray / Istanbul ein passendes Hotel zu suchen.

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