Ich freue mich über jeden Kommentar und möchte mich vorab herzlichst bei all jenen bedanken, die mir so nette und aufmunternte Nachrichten hinterlassen.
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Der frühe Morgen vor Schulbeginn (10 Uhr) ist ideal zur Besichtigung des Schulgebäudes in Hongon. Die Türen stehen sperrangelweit offen – hätte auch kaum Sinn sie abzuschließen, weil man kommt sowieso über die flügellosen Fenster oder riesigen Löcher in den Gebäudemauern in die Klassenzimmer. Heizung, Schulwart oder Reinigungsdienst sind nicht vorhanden – ein Umstand der vor allem im Winter bei Minustemperaturen, Sturm und Schnee für Motivations- und Konzentrationsschwächen sorgen sollte. Immerhin sind täglich 6 Stunden und das über 5 Jahre zu absolvieren, bis die Grundschule abgeschlossen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Kinder zuerst einmal 1-2 Stunden aus einem Tal herauf oder von einem Berg heruntersteigen müssen, um überhaupt zur Schule zu gelangen. Zuvor wird aber noch gearbeitet – ab 5 Uhr morgens geht’s los am heimatlichen Herd – unabhängig vom Stand der Eltern werden hier Kinder ab dem 4. bis 5. Lebensjahr voll mit ihrer Arbeitskraft eigenverantwortlich in die täglichen Abläufe mit einbezogen. Wäsche waschen, Holz sammeln, Vieh hüten, Feldarbeit oder auf jüngere Geschwister aufpassen – auf jeden Fall tragen, tragen, tragen…. Es ist hier selbstverständlich, dass ein(e) 5-jährige(r) sein/ihre jüngeres Geschwister den ganzen Tag am Rücken durch die Gegend schleppt.

Um so erstaunlicher war es, dass sich ab ½ 10 der Schulhof gefüllt hatte und ab 10 Uhr die Klassen mit Schülern besetzt waren, wogegen die Mehrzahl der Lehrer erst eine Stunde später so gegen ½ 11 eingetrudelten…

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Auch wenn man es nicht glauben kann, das ist nicht irgendein Gebäude nach einem Bombenangriff in irgendeinem Kriegsgebiet, sondern die aktuelle Schule von Hongon.

Kerosin war ausverkauft in Hongon – damit hatten wir nicht gerechnet und das brachte uns in eine etwas unangenehme Lage. Wir hatten gerade noch einen halben Liter, was normalerweise für 4x kochen ausreicht. Nachdem wir aber mindestens 6-7 Tage bis nach Yangle benötigten, mussten wir eben auf eine Notlösung umsteigen – soweit es möglich war mit Holz kochen. Im Sinne nachhaltigen Tourismus tut man das normalerweise nicht – Brennholz ist eine knappe Ressource in den Bergen und bleibt der lokalen Bevölkerung vorbehalten. Nachdem wir keine andere Wahl hatten, mussten wir uns darüber hinweg setzen.

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Am nächsten Tag 1500m höher auf etwa 4000m am Molun Pokhari (ein kleiner Gebirgssee) wieder meine Lieblingsbedingungen: 2m weicher patziger Schnee – ideal zum versinken. Weg war keiner zu finden, wie gewohnt querfeldein 4h hüfttief oder über irgendwelche Felsen kletternd – genau so lange bis um 14:00 das tägliche White-Out mit Schnee und Eisregen den Zeltplatz bestimmte. Wir waren in einem Tal mit 5 oder 6 Übergängen und hatten keine Ahnung welchen davon wir Tags darauf nehmen sollten. Einer führte nach Norden direkt nach Tibet (ca. 2h) – den durften wir nicht erwischen, weil dann hätten wir noch größere Probleme – China versteht keinen Spaß bei illegalen Grenzüberschreitungen.

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Trinkwasser war keines vorhanden und der vorhandene Schnee ist dermaßen versaut (Umweltverschmutzung aus Indien und China – geht hier an den Berghängen mit Regen und Schnee nieder), dass wir ihn nicht zum Kochen verwenden konnten. Wir mussten ca. 2h auf genügend Neuschnee warten, damit wir uns wenigstens einen Tee und unsere obligatorische chinesische Nudelsuppe zubereiten konnten.

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Am nächsten Morgen natürlich wieder herrliche Wetterverhältnisse mit ungetrübtem Ausblick auf die umgebenden Berge. Wir hatten die Qual der Wahl – keine Ahnung welcher Pass der Richtige war, trotzdem mussten wir uns für einen entscheiden. Die Auswahl ist in der Regel meine Aufgabe – das Kartenmaterial war schlecht, also blieb einzig die Himmelsrichtung und Intuition – bei 1 aus 4 ging das natürlich gehörig in die Hose. Wir sind zum falschen Pass (ca. 4400 hm) aufgestiegen und dort auch gleich einmal mehrere hundert Höhenmeter ins Tal hinab, bevor wir darauf gekommen sind, dass es eigentlich nächste rechts davon hätte sein müssen.

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Zurück hinauf zu gehen bei diesen Schneeverhältnissen war für mich ein absolutes „no go“ – wir hätten wahrscheinlich den ganzen Tag dafür benötigt. Hier war er also wieder dieser Punkt, an dem es um die Entscheidung abzubrechen oder weitergehen ging. Wang CChu hatte bereits leichte Motivationsprobleme – er wollte in das Tal absteigen und soweit wie möglich einem Fluss folgen. Irgendwo würden wir ja rauskommen.

Kam für mich ebenfalls nur als allerletzte Lösung in Frage. Meine Alternative war ein ca. 50m hohes Felsband, das uns vom richtigen Tal trennte. Wenn wir das überklettern sollten wir auf dem richtigen Weg sein. Ich konnte Wang CChu davon überzeugen es wenigstens zu versuchen – also marschierten wir los. Um dorthin zu gelangen, mussten wir ca. 200 m einer 1000m steil abfallenden vereisten Schneerinne überqueren.

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Er hatte mich noch darauf aufmerksam gemacht, ich sollte meine Steigeisen verwenden – aber in einem Anflug von Eile und Überheblichkeit hatte ich darauf verzichtet – hätte unangenehm enden können. Bevor ich überhaupt kapiert hatte was geschehen war, bin ich schon längst seitlich liegend abgerutscht. Obwohl voll konzentriert, konnte ich an einer vereisten Stelle den Tritt nicht halten – und ab ging die Post. In sekundenbruchteilen realisiert man was ablaufen wird – keine Chance für einen Stopp, die Rinne runterrutschen und dann Autsch – auf den Felsen aufschlagen. Angst ist in der Situation keine dabei, nur Ungläubigkeit, Erstaunen und vielleicht etwas Hilflosigkeit.

Aber wie heißt es so schön: Betrunkene und Dumme haben das nötige Glück. Nachdem ich zu diesem Zeitpunkt garantiert 0,0 Promille hatte, gehöre ich wohl zur Elite der Zweitgenannten (wegen des Verzichts auf die Steigeisen). Nach ca. 20 – 25m war ich mit meinen Beinen an einem vereinzelt herausstehenden Felsen hängen geblieben – viele hat’s davon nicht gegeben. Die Fahrt war zu Ende bevor sie richtig begonnen hatte.

Ungefähr 2 Minuten hatte es gedauert, bis ich mich wieder bewegen konnte – musste mich erst einmal richtig sammeln. Als ich dann zu Wang CChu hochgeblickt hatte, konnte ich ihn kaum erkennen, so kreidebleich war er im Gesicht. Er ging ca. 10 m hinter mir und konnte meine Rutschpartie live mitverfolgen. Wir haben nie darüber gesprochen und ich weiß nicht, was ihm dabei durch den Kopf gegangen ist. Aber ich glaube er hätte einen gehörigen Erklärungsnotstand und massive Schwierigkeiten bekommen, wenn er ohne mich zurück gekommen wäre – schließlich ist er lizenzierter Climbing Sherpa. Er hatte mir später nur erklärt, dass er Angst gehabt hatte. Mehr nicht.

Nach ein paar Minuten war das emotionale Gleichgewicht wiederhergestellt, die Steigeisen umgeschnallt (man lernt dazu)und weiter ging es, weil wir mussten ja noch über diese Felswand rüber um ins andere Tal zu gelangen – was dann auch nicht so schwierig war.

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Zu 80% war ich mir sicher, dass wir jetzt richtig waren – Gewissheit hatte ich erst, als wir nach dem Abstieg in das Tal auf diesen Flussübergang gestoßen waren.

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Zwei Stunden später hatten wir zum zweiten Mal an diesem Tag Glück. Wir sind auf 2 Parkaufseher gestoßen die auf Kontrollgang waren. Wilderei ist ein großes Problem in diesem Teil des Landes. Es kommen immer wieder Tibeter illegal nach Nepal rüber und jagen ohne Erlaubnis Blue Sheeps (eine selten Art von Bergschafen) die unter Naturschutz stehen. Ihre Aufgabe ist es dies zu verhindern. Nachdem sie erkannt hatten, dass wir keine Wilderer waren hatten sie sich sehr gefreut und uns gleich einmal auf ein köstliches Essen eingeladen. Ein original zubereitetes Tsampa.

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Besonders hilfreich waren sie uns aber, weil wir von ihnen an diesem und dem nächsten Tag ca. 8h lang durch den Wald auf dem richtigen Weg zum Einstiegspunkt für die nächsten 4 Pässe geführt wurden. Wir hätten ohne zu übertreiben mindestens 2 Tage länger gebraucht, diesen verschlungenen Pfad durch Rhododendronwald und Bambusgebüsch zu finden.

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1200 hm die nächste Schneerinne rauf bis uns das tägliche Schlechtwetter am frühen Nachmittag wieder eingeholt hatte – nachdem nur noch eine Notration Kerosin vorhanden war gab es zwischendurch keinen warmen Tee sondern ein Spezialmenü der Sonderklasse – trockene chinesische Nudelsuppe schön fein zerbröselt, mit etwas Reisflocken verfeinert und einem Schuss kaltem Wasser – damit der Brei ja schön klebt.

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Um 5 Uhr morgens sind wir los, um 15:00 waren die Wolken wieder so dicht, dass wir den möglichen Übergang des 1. Passes nicht mehr sehen konnten.

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Um im Schnee Feuer zu entfachen benötigt man eine solide, trockene Unterlage. Wir konnten eine Grasnarbe von einem Felsen organisieren, wodurch wir zumindest am Abend etwas Warmes zwischen die Zähne bekamen.

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Am Morgen danach hieß es wieder um 5 Uhr aufzubrechen – wir hatten an diesem Tag 4 Pässe mit einer Höhe von 4200m bis 4600m zu überqueren. Nachdem wir wie üblich den genauen Weg nicht kannten, konnte es ein langer Tag werden. Es wurde nicht nur wie gewohnt ein langer sondern auch körperlich und mental anstrengender Tag.

Bereits der 1. Pass war eine Herausforderung für sich. Ich bin mir nicht sicher, ob wir den richtigen Übergang erwischt hatten, aber ca. 100m unter dem eigentlichen Pass sind wir wieder seitlich in eine extrem steile, fast senkrechte vereiste Schneerinne die 700 – 800m nach unten führte eingestiegen. Wieder eine Stelle, die man normalerweise nicht ohne Steigeisen, Eispickel und durch ein Seil gesichert passieren sollte. Aber wir hatten keine Chance, bis auf die Steigeisen war die passende Ausrüstung nicht vorhanden – also entweder rauf oder zurück.

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Wie in der Vergangenheit schon mehrmals erlebt, bin ich normalerweise während kritischer Situationen extrem ruhig, dafür lassen aber danach, wenn alles vorbei ist die Nerven etwas nach. Offenbar hatte mein Ausrutscher 2 Tage zuvor doch nachhaltigere Wirkung gezeigt als angenommen, weil diesmal stellte sich bereits kurz nach dem Einstieg in die Rinne etwas Nervosität ein. Was die Anspannung steigerte und die Sache für mich nicht unbedingt einfacher machte. Die Trekking-Stöcke mussten als Eispickel-Ersatz herhalten, entsprechend tief und mit voller Wucht trieb ich sie mit jedem Schritt in Eis und Schnee, sodass sie danach eigentlich zum wegwerfen waren. Kurz vor dem Ziel gabs quasi als Sonderprüfung noch eine überhängende Schneewechte zu überklettern – von der ich mir zuvor nicht vorstellen konnte, dass sie mein Gesamtgewicht trägt.

Oben angekommen war das Gefühl einfach nur Saugeil, 7:30 morgens und bereits ausreichend Adrenalin für die nächsten 2 Wochen im Blut – da fängt man an zu jodeln. Wang CChu erging es trotz seiner umfassenden Klettererfahrungen ähnlich wie mir, er war heilfroh und total übergedreht, als wir danach an dieser Passmarkierung gestanden sind.

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Es ist ein sehr angenehmer Zustand, wenn die Sicherheit mit diesem „Fast-alles-ist-möglich-Gefühl“ zurückkehrt. In unserem Fall allerdings zeitlich beschränkt nur bis zum übernächsten Pass, bis zum ersten deja-vú des Tages – wie bereits kurz zuvor erlebt war da wieder ein Steilhang, diesmal allerdings in die andere Richtung zu bewältigen – nämlich durch Schnee und Eis fast senkrecht nach unten. Zweimal an einem Vormittag war in fast identer Situation die Entscheidung zu treffen, etwas zu tun was man normalerweise nicht tun sollte. Also entweder ohne Sicherung runter (Augen zu und durch) oder umkehren.

Natürlich sind wir runter, haben dabei wieder gehörig geschwitzt und waren danach heilfroh, als auch das zweite Mal alles gut gegangen war.

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Wir waren auf Grund von Unkenntnis des Streckenverlaufs in unsichere Situationen geraten und hatten uns vor Ort für den riskanten Weg entschieden. Bewusst sollte man sich dem nicht aussetzen. Im Nachhinein glaube ich, dass in der Frühjahrs-Saison der Weg vom Kanchenjunga zum Makalu bei der Schneelage ohne Kletterausrüstung kaum passierbar ist. Also wenn jemand die gleiche Route ohne großen Aufwand durchwandern möchte, wäre der beste Zeitpunkt sicherlich im Herbst – Mitte September bis Ende Oktober – da sind die Wetterbedingungen einfach am Besten.

Nach dem 4. Pass an diesem Tag war die Luft zur Gänze draußen, 2000 hm bergauf, 2500 hm bergab unter diesen Bedingungen kombiniert mit der erlebten mentalen Anspannung ist ausreichend für einen normalen Wanderarbeitstag.

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Tags darauf konnten wir unser Mittagessen in Yangle einnehmen. Nach den Tagen im Schnee bzw. Regen war die gesamte Kleidung und der Schlafsack nass – Sonnenschein und Wind waren ideal, um die Sachen wieder halbwegs trocken zu bekommen.

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Der Aufstieg nach Sherjong (nahe dem Makalu-Base-Camp) war einfach und in ein paar Stunden erledigt und nach einer weiteren Nacht im Zelt hatten war wieder einmal um 4 Uhr morgens Tagwache. Das morgendliche Wetter war ideal, so konnten wir auf einen Aufsichtspunkt ca. 600 hm über dem Base-Camp auf 5.400m schneefrei aufsteigen.

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Diese Etappe war bisher sicherlich die Anspruchvollste – nachdem wir den Sherpani Col in Richtung Everest – Gebiet auf Grund der fehlenden Ausrüstung nicht überqueren konnten, war die Entscheidung zu treffen wie es weitergehen sollte. Alle weiter südlich gelegenen Pässe über 4000m Seehöhe waren zur Zeit hoffnungslos verschneit – um vorbei am Mera Peak bis nach Lukla zu gelangen, wären 5 oder 6 Pässe bis zu einer Höhe von 5800m zu überschreiten – was bei diesen Bedingungen wirklich gut zu überlegen war.
LG Heinz

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