Ein Rasttag in Ghunsa der nicht wirklich gut tat. Es hatte den ganzen Tag geschneit und war eiskalt. Was bedeutete, dass ich auch tagsüber den Schlafsack nicht verlassen konnte. Zumindest die körperliche Erholung nach der anstrengenden Woche war gegeben, was auf das ausreichende Essen zurück zu führen war. Das nächste Ziel sollte der Nango-La Pass sein – mit 4700 m weder sehr hoch noch technisch besonders Schwierig – um von Ghunsa entlang des Great Himalaya Trails (GHT) zuerst nach Olangchungola und dann weiter zu unserem nächsten Etappenziel nach Hongon zu gelangen.

Nepali und die Zeit (1)
Nepali haben grundsätzlich ein sehr entspanntes Verhältnis zur Zeit, gleich wie Afrikaner oder Südamerikaner. Wenn man einen ortsansässigen Nepali nach der Gehdauer für eine bestimmte Wegstrecke frägt, dann ist das so eine Sache für sich. Wir hatten kein einziges Mal eine halbwegs passende Zeitangabe erhalten, im Schnitt wurde uns ein Drittel von dem prognostiziert, was wir schlussendlich wirklich benötigten. Wobei wir natürlich bedingt durch das Gepäck sicherlich etwas langsamer waren – aber auch nicht so langsam. Mir kommt das so vor, als ob irgendjemand irgendwann in der Vergangenheit jemanden gekannt hatte, der diese Zeit in einem Anflug von sportlicher Höchstleistung wirklich erreicht hatte. Und ab diesem Zeitpunkt war für jeden klar – man benötigt von A nach B genau so lange. Das ist so, wie wenn ich in meinem Bekanntenkreis jemanden kenne, der einen Marathon (etwa 42 km) in 2:30 h läuft. Wenn mich dann jemand danach frägt, wie lange man von Graz nach Bruck zu Fuß benötigt, dann ist meine Antwort eben ca. 2 ½ – 3 Stunden – was natürlich absoluter Blödsinn ist.

Auf unsere Frage, wie lange man von Ghunsa über den Pass nach O-gola benötigt, bekamen wir zur Antwort 8 – 10 h, zum Pass hinauf seien es 2-3 h.

Wir waren durch den Schneefall vorgewarnt, dass es länger dauern würde – leider hatten wir die Lage aber völlig falsch eingeschätzt. Nicht nur dass es schwierig war, 1200 Höhenmeter bei Neuschnee aufzusteigen – leider konnten wir bei den Wetterbedingungen auch den richtigen Weg nicht finden.

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Obwohl wir bereits um 5h morgens gestartet waren, befanden wir uns ab 11:00 vormittags bei Schneetreiben in einer Wolke irgendwo unterhalb des Passes. Nach einigen Klettereinlagen hatte ich dann um 16:00 nach 11 Stunden genug und unser Vorhaben ohne den Pass gefunden zu haben abgebrochen. Camping im White-Out – ein Umstand der uns in den nächsten Tagen und Wochen noch einige Male widerfahren sollte. Aber auf Grund der guten Ausrüstung (dank Gigasport) kein wirkliches Problem. Das einzige, an das wirklich ungewohnt und unangenehm war, ist am nächsten Morgen in gefrorene Socken und Schuhe zu steigen – aber auch das ist nur eine Frage der Übung.

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Am Morgen ist das Wetter immer wie ausgewechselt – herrlicher Sonnenschein für wenige Stunden. Genug Zeit um den Pass zu finden (er befand sich ca. 100 hm unter uns) und innerhalb von 13 h nach O-Gola abzusteigen. Alles in allem haben wir für eine prognostizierte Zeit von 8 – 10h insgesamt 24h benötigt.

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Olangchungola, ein traditionelles tibetisches Dorf in Nepal ungefähr 5 Gehstunden von der Grenze entfernt, war früher einmal ein wichtiger Handels- und Umschlagplatz der Salzkarawanen auf dem Weg von Tibet nach Indien. Auch heute noch erfolgt die Versorgung des Ortes ausschließlich über Tibet.

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Trotz zeitigen Aufbruchs sind wir erst lange nach Einbruch der Dunkelheit so gg. 21:00 eingetroffen und es war gar nicht so einfach, noch ein Teehaus mit Schlafgelegenheit zu finden. In dem Teehaus war zufällig eine Expertenrunde in Sachen Passüberquerung anwesend. Sie wollten uns davon abgeraten, den Lumbha Sambha – Pass wegen der Schneelage und der aktuellen Wettersituation (der Monsun ist in diesem Jahr offensichtlich 2 Monate zu früh eingetroffen) zu überschreiten.

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Nachdem die einzige Alternative die Rückkehr nach Taplejung gewesen wäre, waren wir beide trotzdem entschlossen, es wenigstens zu versuchen. Prognostizierte Gehdauer bis nach Thudam (dem nächsten Ort nach dem Pass) waren 2 Tage – durch die Erfahrungen der vorangegangenen Tage vom Nango La waren wir aber auf 4 -5 Tage eingestellt. Vor allem weil wir wieder in der Situation waren, den genauen Weg nicht zu kennen und er auf Grund des Schnees nur sehr schwer zu finden ist.
Der Vormittag wurde noch dazu genutzt, all jene Dinge einzukaufen die voraussichtlich in den folgenden Tagen gebraucht wurden – d.h. Kerosin, Reisflocken, 20 Pkg. Nudelsuppe, Milchpulver, Tsampa (Hirsemehl), Zucker und Kekse.

Wegen des langen und anstrengenden Vortages waren wir erst gg. Mittag mit dem Ziel einer kurzen Tagesetappe aufgebrochen. Das erste Mal so richtig anstrengend wurde es erst am Tag darauf, trotz frühen Aufbruchs waren wir ab einer Seehöhe von 4000m ab 12:00 wieder inmitten einer Gewitterwolke.

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(Zwischendurch schnell einmal einen heißen Tee gekocht)
Im Schneetreiben mit Gewitter (Blitze nicht von Oben sondern von der Seite) mussten wir einen Zeltplatz kurz unterhalb des eigentlichen Aufstiegs zum Pass finden (4400m). Das Unangenehme daran war, dass über Nacht nochmals zusätzlich 30 cm Neuschnee dazukamen. Ein Umstand, der uns am nächsten Tag gehörig Schwierigkeiten bereiten sollte.

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Für die Überquerung des Lumbha Sambha Passes sind eigentlich 2 Pässe zu überschreiten – zuerst der „1st Pass“ mit 5136m und kurz danach erst der eigentliche Pass mit ca. 5160m. Bei Schneefreiheit und guten Wetterbedingungen eine Aufgabe von vielleicht 2 h. Wir haben für die 3 km Wegstrecke und ca. 750 hm vom Zeltplatz bis zum 1st Pass ungefähr 10 Stunden benötigt und dann wegen totaler Erschöpfung im neuerlichen White-Out direkt neben der Pass-Markierung unser Zelt aufgeschlagen.

Im Schnee war wieder einmal der richtige Trail nicht zu finden, also querfeldein einem eigenen Weg zum Pass folgen. Mein Körpergewicht mit den zusätzlichen 30 Kg am Rücken sind unter diesen Bedingungen ein enormes Handicap – ausnahmslos mit jedem Schritt bis zum Oberschenkel oder den Hüften im Schnee versunken, sind die Strapazen eine grenzwertige Herausforderung. Für einen bestimmten Abschnitt von ca. 25m hatte ich sogar mehr als eine halbe Stunde benötigt. Zuerst einmal war ich bis zu den Achseln im Schnee versunken. Also den Rucksack runter, irgendwie aus dem Loch rausquälen, verschnaufen und den nächsten Schritt prüfen. Der war halbwegs ok, den Rucksack wieder umgeschnallt und mit dem übernächsten Schritt wieder bis zu den Achseln im Schnee. Das ganze vier Mal hintereinander. Es war irgendwie zum Verzweifeln. Nach 4 Stunden konnte ich wegen der Kälte meine Zehen und Sohlen nicht mehr fühlen. Eine Pause war notwendig um mit dem Benzinkocher mitten in einem Steilhang Schnee zu schmelzen und mit meiner Trinkflasche als provisorischer Wärmflasche meine Füße aufzutauen. Das war gleichzeitig das erste Mal, dass ich mir nicht sicher war es zu schaffen und offen mit Wang CChu darüber gesprochen hatte, vielleicht doch umzukehren. Sein Argument – wenn die Füße wieder halbwegs in Ordnung sind, schaffen wir es irgendwann – war einleuchtend. Also weiter.
Nach weiteren 2 Stunden wollte er aufgeben. Inzwischen waren wir wieder in einer Wolke, neuerlicher Schneefall hatte eingesetzt und die Sicht war gleich Null – also keine Chance irgendwie den Pass zu finden. Seine Befürchtung, bei anhaltendem Schlechtwetter für die nächsten ein oder zwei Tage gänzlich eingeschneit zu werden und dann vielleicht für eine Woche weder vor noch zurück zu können, hatte was für sich. Beim Aufstieg am Vortag zum Pass Camp gab es nämlich eine technisch recht schwierige Stelle, die bei einem möglichen Abstieg wenn sie verschneit ist ohne Seil kaum zu passieren sein würde. Für ihn ein Umstand umzukehren. Ich konnte ihn aber überzeugen, den richtigen Passübergang (wir hatten 3 mögliche zur Auswahl) mit Hilfe des Kompasses auch im Schneetreiben zu finden. Also weiter im Blindflug.
Schaffen wir es bis zum Pass dann schaffen wir es in den nächsten 1-2 Tagen auch bei Schlechtwetter irgendwie auf der anderen Seite runter. Um 6 Uhr morgens waren wir aufgebrochen und um 16:00 konnten wir schlussendlich – on the top – am „1st Pass“ unser Zelt aufschlagen. Wieder einmal ein Tag getreu dem Motto: „When the going get’s tough, the tough get going“ – und es wird nicht der letzte gewesen sein.

Die Belohnung für unsere Anstrengung erhielten wir am nächsten Morgen. Nach einer Nacht bei Aussentemperaturen von -15° Celsius konnten wir bei strahlendem Sonnenschein vom „1st Pass“ das letzte Mal einen Blick auf den Kandchenjunga werfen.

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Eine Stunde später waren wir am eigentlichen Lumbha Sambha und von dort bekamen wir zum ersten Mal unser nächstes Ziel vor Augen – Makalu, mit 8.485m der fünfthöchste Berg der Erde.

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Das Schönwetter hielt gerade so lange, um aus dem Schnee herauszukommen und dann bei Regen weiter nach Thudam abzusteigen.

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Bei Thudam handelt es sich ebenfalls um ein rein tibetisches Dorf, ca. 5 h von der Grenze entfernt völlig von Strom oder moderner Technologie befreit. Die Leute leben von ihren Yak’s, Kartoffeln, Hirse und betreiben etwas Handel mit dem nahegelegenen Tibet. Einquartiert haben wir uns bei einer jungen Familie die froh war, ein paar Rupies zu verdienen. In Thudam wurde uns übrigends bestätigt, dass wir in dieser Saison die ersten waren, die den Pass von O-Gola aus überquert hatten.

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Für unser nächstes Ziel Chyamtang wurden uns 8h vorausgesagt. Der Weg war extrem Schwierig und ohne Ortskenntnis schwer zu finden – wir hatten uns im Regen wieder einmal verlaufen, mussten irgendwo auf einem Hang ohne Wasser und Verpflegung campieren und waren schließlich nach 18 Stunden dort

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Regenfrei und auf gutem Wege gings dann innerhalb eines Tages weiter nach Hongon – unserem Etappenziel. Während wir von Ghunsa bis hierher außerhalb von Ansiedlungen auf keine Menschen getroffen waren, stellt sich das ab Chyamtang anders dar. Der Trail nach Hongon ist hoch frequentiert und man trifft unterwegs immer wieder lustige Leute, mit denen man sich auf einen Tratsch einlassen kann.

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Hongon – ebenfalls tibetisch – ist eine größere Ansiedlung in der wir wieder unsere Vorräte auffrischen können sollten, weil die nächsten Tage in Richtung Makalu Base Camp werden mindestens gleich anstrengend werden wie die vorangegangenen es waren.

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9 Tage Nudelsuppe waren genug – ich wollte endlich wieder einmal was anderes essen. Nachdem die Herrin der Hongon’schen Küche noch nie etwas von Pancakes gehört hatte, habe ich sie kurzerhand aus ihrer gewohnten Umgebung hinauskomplimentiert und mir selbst welche zubereitet. Eier, Yak-Milch, Zucker und Tsampa (Hirsmehl – weil Weizenmehl gibt es hier keines) waren ausreichend dafür vorhanden. Rein optisch waren sie mir misslungen – wichtig waren aber die hervorragenden inneren Werte wie Geschmack oder Kalorien – daran gabs dann nichts auszusetzen.

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Unser Zelt hatten wir auf der einzigen ebenen Fläche direkt neben der Schule von Hongon aufgeschlagen – selbstverständlich war mit unserem Erscheinen augenblicklich der Schulbetrieb lahmgelegt – nicht nur die Schüler sondern auch die Lehrer konnten nicht genug davon bekommen, uns bei der Arbeit zuzusehen und jeden Handgriff zu kommentieren.

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Von Hongon aus geht es dann weiter zum Makalu-Base-Camp. Eine sehr spannende, aufregende und zum Teil gefährliche Etappe. Bis zum nächsten Mal.
LG Heinz

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