Der Nachtbus von Kathmandu (KTM) in Richtung Taplejung fuhr offiziell um 16 Uhr ab – 20 Minuten nach 4 waren wir am Busbahnhof, da das Taxi durch eine der täglichen Demonstrationen aufgehalten wurde. Für mich bedeutete es Stress, da ich nicht noch einen Tag unnötig in KTM herumsitzen wollte. Deshalb so schnell wie möglich alles Gepäck aus dem Auto auf einen Haufen geschmissen, um ja den Bus noch zu erreichen. Während wir den Taxifahrer abfertigten lag oben auf meinem Rucksack neben den beiden Fototaschen mein Netbook – beim zweiten hinsehen war es dann weg. Dafür lief in bereits 30 m Entfernung ein Junge, vielleicht 12 – 14 Jahre alt mit einer kleinen schwarzen Tasche unter dem Arm. Ich natürlich sofort schreiend durch die Menschenmassen hinterher – für einen außenstehenden Beobachter musste das ein Bild für Götter gewesen sein. Kurz bevor ich in eingeholt hatte, ließ er die Tasche fallen und lief weiter. Das war auch gut so. Nachdem ich schon zuvor wegen des Staus einen relativ hohen Blutdruck hatte, wäre es durchaus möglich gewesen, dass er sich diesen Diebstahlversuch sein ganzes Leben lang gemerkt hätte.

Als ich mit der Beute in der Hand zum Gepäck zurückkam, war dort bereits eine Menschentraube versammelt. Zugleich war ich das erste Mal auf dieser Reise froh, nicht alleine zu sein. Dann hätte ich nämlich diesem Jungen nicht nachlaufen können, da die Gefahr zu groß gewesen wäre, dass der Rest meines Gepäckes bei meiner Rückkehr auch noch weg gewesen wäre. Wie auch immer, die Sachen waren Dank Wang CChu noch alle da und wir verließen pünktlich mit 2 ½ Stunden Verspätung KTM.

Nach einmaligem Umsteigen und 26 h Busfahrt gingen wir in Phidim – ca. 5 h vor unserem Ziel Taplejung – vorzeitig vom Bus. Bereits vor der Abfahrt in Kathmandu hatte sich bei mir die Darminfektion zurückgemeldet, die während der Busfahrt immer schlimmer wurde. Nachdem ich die letzten Stunden im Bus vor Übelkeit, Krämpfen und schmerzhaftem Brennen im Magen-Darm Bereich kaum noch sitzen konnte, bin ich sofort ins dortige Bezirkskrankenhaus.

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Das eigene Antibiotikum hatte nicht gewirkt, deshalb bekam ich via Infusion noch zwei weitere dazu verabreicht. Durchschnittlich 3 Minuten benötigte zu diesem Zeitpunkt jegliche flüssige oder feste Nahrung durch meinen Körper. Deshalb gabs über die Venen auch noch ausreichend Flüssigkeit neben einem Pain-Killer, der hervorragend die Schmerzen linderte. Nach mehreren Stunden Behandlung und ausgestattet mit Medikamenten für die nächsten 5 Tage durfte ich das Krankenhaus wieder verlassen. Besonders gut gefallen hat mir die Aussage des Arztes, dass ich meine Tour beginnen kann, sobald ich mich besser fühle.

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Am übernächsten Morgen, den 27.4. um 7:30h waren die Rucksäcke umgeschnallt und wir verließen Taplejung zu Fuß in Richtung Kanchenjunga – Base – Camp. Die Infektion war soweit unter Kontrolle, das Körpergefühl durchwegs angenehm – also stand dem Abmarsch nach Norden nichts mehr im Wege. Das Gewicht am Rücken verteilte sich auf beide ungefähr gleich, Benzin und Verpflegung für ca. 7 Tage war mit im Gepäck. Nachdem wir beide nicht gewerkschaftlich organisiert sind, beschlossen wir zudem, gleich von Anfang an mit 8 – 10 h Tagesetappen zu beginnen.

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Die ersten 4 Tage bis Ghunsa auf einer Seehöhe von ca. 3.500m durchwandert man in einem ständigen auf und ab enge Schluchten und Täler entlang verschiedener Flüsse.

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Bis Sukathum, etwa 2 Tagesmärsche von Taplejung entfernt, befindet man sich dabei im Gebiet der Limbhus, einer hinduistischen Volksgruppe die hier in kleinen Ansiedlungen lebt und eher den Menschen des Terrai’s, also der südlichen Ebene Nepals oder dem Norden Indiens gleicht als die buddhistischen Sherpas und tibetisch-stämmige Bevölkerung weiter im Norden, in den Bergen.

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Von den Temperaturen ist es noch sehr angenehm. Einzig der tägliche Regen der ab dem frühen Nachmittag einsetzt sorgt dafür, dass wir eigentlich nie die vorgenommenen Tagesziele erreichen, sondern vorzeitig abbrechen müssen. Trotz frühen Starts – meistens so um 6:30h morgens – kommen wir kaum auf mehr als 8h Gehzeit.

Für Verpflegung ist unterwegs gesorgt. Einzelne Hütten entlang der Route sind gleichzeitig auch Teehäuser, man bekommt dort einfaches nepalesisches Essen wie z.B. Dhal-Bhat (Linsen & Reis), Kartoffeln und chinesische Nudelsuppe aus der Packung ( die gibt’s wirklich überall). Fleisch (Ziege, Schaf oder Yak) fällt für mich als regional bedingten Vegetarier in dieser Gegend generell aus.

Die Zubereitung erfolgt ausnahmslos frisch – auf Vorrat wird nicht gekocht – auf einer offenen, mit Holz beheizten Feuerstelle an einem Ende des Raumes. Kamin oder Rauchabzug gibt es keinen, der Rauch verteilt sich im Raum, bis er durch die Ritzen der undichten Mauer oder des rußgeschwärzten Daches, aus einer Fensterluke oder der geöffneten Tür verschwindet. Eine richtige Rauchkuchl also. Für mich persönlich ist das ein völlig untragbarer Zustand, ganze Familien hier in den Bergen sitzen mit Gelassenheit in den Rauchschwaden im einzigen stromlosen Raum des Hauses, der zum Schlafen, Kochen und Leben dient und gehen unbeeindruckt ihren Tagesgeschäften nach.

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Diese Teehäuser sollten ja eigentlich nicht Teehäuser sondern Tsanghäuser genannt werden. Mir wurde kein einziges Mal von selbst Tee sondern immer nur Tsang angeboten. Tsang ist ein selbstgemachtes bierähnliches alkoholisches Gebräu, das in einer Tongba – einem 1,5l fassenden Holzbottich serviert wird. Tsang wird den ganzen Tag – also vom Frühstück weg bis zum Abendessen – sowohl von Männern als auch Frauen getrunken. Dies dürfte aber eine Besonderheit dieser Kanchenjunga-Region sein, weil selbst Wang Cchu der aus der Everest-Region stammt, kannte den Alkoholkonsum in diesen Mengen nicht.

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Am späten Morgen des 7. Tages seit dem Abmarsch in Taplejung waren wir im 1. Kanchenjunga-Base-Camp (Pangema) angekommen. Ab einer Seehöhe von ca. 4000m (Kangpachen) verändert sich die Landschaft und das Klima stark. Die Täler werden weiter, begrenzt von schneebedeckten 6.000ern und 7.000ern, es wird deutlich Kälter und man marschiert durch Geröllhalden entlang des Kanchenjunga-Gletschers. Man trifft nur mehr vereinzelt auf Menschen, meist Yak-Hirten, die in diesen Höhen auf ihre Herden aufpassen.

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Bedingt durch die Seehöhe (Akklimatisation) verkürzen sich auch die Tagesetappen, da es keine Teehäuser mehr gibt, bleibt genug Zeit das Zelt aufzustellen und sich selbst zu versorgen. Mit der Selbstversorgung reduzierte sich auch unser Menüplan auf chinesische Packerl-Nudelsuppe (abends) und Porridge (morgens – Wasser, Müsli, Milchpulver und ein Mars verkocht). Ist zwar nicht die feine Gourmet-Küche, gibt aber dafür Kraft. Die man dringend benötigt, da Nachts die Temperaturen im Zelt auf weit unter 0 Grad absinken.

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Gerade ein paar Stunden Schönwetter hatten gereicht, um auf jenen Aussichtspunkt (ca. 5.400m) über dem KBC zu klettern, der einen herrlichen Blick auf den dritthöchsten Berg unserer Erde gewährt. Hier ist er jetzt also von der anderen Seite. Zuerst von Indien nun von Nepal aus.1-_MG_1807

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Der eisige Wind und einsetzender Schneefall hatte leider das Vergnügen dieses beeindruckenden Ausblicks stark verkürzt. Zurück an unserem Zeltplatz in Lhonak mussten wir zuerst einmal das Zelt vom Schnee befreien. Glücklicherweise war eine der nahegelegenen Steinhütten unversperrt. Nachdem der Schneefall nicht nachließ und das Dach der Hütte undicht war, entschlossen wir uns mit samt dem Zelt in die Hütte zu übersiedeln. Die Wasserquelle war am nächsten Morgen nicht mehr aufzufinden, weshalb diesmal halt der Neuschnee fürs Frühstück herhalten musste

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Der Abstieg nach Ghunsa begann unter traumhaften Wetterbedingungen. Durch knöcheltiefen jungfräulichen Schnee in glasklarer Luft und Sonnenschein.

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Leider war dann relativ rasch Schluss mit der Idylle. Bedingt durch den Schnee war der Weg durch die Geröllhalden sehr schwer zu finden. Zusätzlich waren die Steine eisglatt und rutschig, ein Umstand der nicht nur bei mir für den einen oder anderen Bauchfleck gesorgt hatte.

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Richtig unangenehm wurde es noch einmal, als wir den gefährlichsten Teil der gesamten Strecke passieren mussten. Einen ca. 300m breiten Erdrutsch, der zu überqueren war. Durch die einsetzende Sonnenbestrahlung hörten wir über uns laufend lautes Knacken und lösten sich Steine, die in einem Höllentempo herunterkollerten. Wir entschlossen uns, den Hang einzeln im Laufschritt zu passieren, während der andere aufpasste und im Notfall durch Zuruf dirigierte. Wang Cchu hatte dabei richtiges Glück, weil ein mehrere hundert Kilo schwerer Felsbrocken ihn nur um wenige Meter verfehlt hatte.

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Der Abstieg hatte um einige Stunden länger gedauert als zuerst angenommen, trotzdem waren wir froh Ghunsa wohlbehalten erreicht zu haben. Nach einem Tag Ruhepause geht es über den Nango-La Pass nach Olangchung Gola und von dort weiter zum Makalu-Base-Camp.1-_MG_1668

LG Heinz

 

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