Nach der Rückkehr aus Indien hatte ich noch ein paar Tage Vorbereitungszeit zur Verfügung, bevor es gemeinsam mit einer von Weltweitwandern organisierten Trekking-Gruppe mit dem Flugzeug nach Jufal ging, um von dort den westlichen Teil meines Great Himalaya Trails (GHT) durch das Dolpo-Gebiet bis nach Kagbeni (Mustang) zu starten. Seit meiner Abreise aus Nepal im Juni war einiges passiert in diesem Land – unter anderem ist im Frühsommer eine alleinreisende belgische Touristin im Langtang-Gebiet verunglückt, worauf die nepalesische Regierung dies zum Anlass genommen hatte, individuelles Trekking in Nepal gänzlich zu verbieten – d.h. jeder der sich nach diesem Vorfall in den Bergen bewegen möchte, benötigt einen nepalesischen Begleiter, einen Guide an seiner Seite. Eigentlich war ich auf einen weiteren Alleingang vorbereitet – sowohl in Indien als auch die wenigen Tage in Pakistan war ich immer solo mit dem gesamten Gepäck unterwegs gewesen – leider war das nun nicht mehr möglich.

Gemeinsam mit Nwang Chhu Sherpa war die Passage meines ersten Teils des GHT richtig abenteuerlich von statten gegangen. Eigentlich hatte ich mir gedacht, dass er mich auch auf dieser Tour wieder begleiten wird – LOWA hatte ihn freundlicherweise schon vorsorglich mit einem neuen Paar Bergschuhe ausgestattet – aber diese fünf Wochen im April/Mai dürften wohl zuviel für ihn gewesen sein. Er hatte keine Lust mehr, oder er konnte nicht mehr – jedenfalls musste ich mich für diese und die folgenden Etappen um Ersatz umsehen.

Dolpo ist normalerweise leicht zu begehen, die einzige Herausforderung liegt in der Überquerung von ein paar Pässen und im Umgang mit der tibetischen Sprache und den Menschen. Suman (Schuhmann ausgerochen) hieß mein neuer Begleiter – 24 Jahre, Literaturstudent und ein wahres Kommunikationsgenie mit ausgezeichneten englisch- und tibetisch Kenntnissen. Die Verständigung war damit gesichert und das Gepäck auf zwei Rucksäcke verteilt – nachdem wieder einmal Selbstversorgung angesagt war und Verpflegung von bis zu 8 Tagen verstaut werden musste, blieben pro Person so an die 35 Kg zum Tragen.

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Dolpo ist eine im Nordwesten von Nepal an der Grenze zu Tibet gelegene Region, die noch bis vor 20 Jahre völlig für den Tourismus gesperrt war. Möchte man heute als Ausländer rein, benötigt man eine spezielle Genehmigung, die mit relativ hohen Kosten (500 USD pro Person) verbunden ist. Als Einzelperson müsste man für 2 Personen bezahlen, weshalb wir gemeinsam mit der Trekking-Gruppe für zwei Stunden bis kurz hinter den letzten Kontroll-Posten gewandert sind. Danach konnten wir unseren Weg alleine in einer anderen Richtung fortsetzen.

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Straßen führen keine nach Dolpo. Möchte man dorthin gelangen, muss man über mehrere 5000m hohe Pässe zu Fuß in Richtung Norden marschieren, um in das höchste ständig bewohnte Siedlungsgebiet Nepals mit seiner traditionellen tibetischen Lebensweise vorzudringen. In bis zu 4.300m Seehöhe liegen die Dörfer wie kleine Oasen eingebettet in Tälern entlang von Flüssen, deren Wasser gemeinschaftlich für die Bewässerung der Felder genutzt wird.

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Steht man auf einem dieser Pässe über der Baumgrenze, so überblick man die gleiche typische, tibetisch wüstenhafte Hochgebirgslandschaft wie in Ladakh. Der Monsun war noch nicht zur Gänze vorüber, weshalb in den ersten 10 Tagen täglich Regenwolken und leichte Schauer für Kühle und Nässe sorgten. Diese Wetterbedingungen waren aber nicht unangenehm – wenn man so wie ich als „alter“ Mann die Berge hochkeucht, ist diese Frische eine wahre Wohltat.

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Wir hatten ausnahmslos im Zelt geschlafen und uns mit unserem Kocher eigenständig verpflegt. Suman, der ansonsten nur den berüchtigten „Teehaus-Treck“ rund um das Annapurna-Massiv gewohnt war, begann darunter zu leiden. Auf seinen Trecks pausiert er normalerweise mit seinen Touristen alle zwei Stunden um in eines dieser Teehäuser einzukehren und sich die Wampe vollzuschlagen. Lange, pausenlose Gehzeiten wie ich sie praktiziere war er nicht gewohnt – um ihn nicht ebenso wie Nwang Chhu nach kurzer Zeit zu verbrennen, einigten wir uns deshalb auf eine (fast) tägliche Mittagspause – wenn möglich mit gutem nepalesischem Essen. Nachdem er sich mit den Leuten gut verständigen konnte, war es völlig unproblematisch in Privathäusern zum „Lunch“ einzukehren oder Proviant einzukaufen.

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Die Dolpa, die Menschen die in diesem Gebiet leben sind natürlich freundlich, betreiben Landwirtschaft und Viehzucht und versuchen sich etwas durch den kontrollierten Tourismus dazuzuverdienen. Der tibetische Buddhismus hat ebenso Tradition wie der Bön-Buddhismus – zahlreiche Gompas, Chorten und Stupas entlang unseres Weges zeugen von der tiefen Religionsverbundenheit der lokalen Bevölkerung. Ob zu Fuß oder zu Pferd, auf der Durchreise mit den Yak-Karawanen, in der Schule oder sturzbetrunken mit einer Flasche Roxy (Bezeichnung für jeden hochprozentigen Alkohol) mitten auf dem Weg sitzend – immer trifft man auf interessante Menschen mit einem Lächeln im Gesicht.

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Am achten Tag waren wir wieder auf unsere Gruppe gestoßen. Ein relativ schwieriger Fluß war zu durchqueren gewesen. Suman mit seinen 160 cm Körpergröße war damit überfordert und obwohl ich ihn an der Hand ans andere Ufer geführt hatte, ging er mitsamt Rucksack baden. Nachdem er seine Kleidung gewechselt hatte, kam per Zufall die Gruppe des Weges und lud uns ein, die Nacht gemeinsam zu campieren und das Abendessen eines hervorragenden Trekking-Kochs zu genießen. Unsere tägliche Nudelsuppe musste also warten und wir wieder zurück auf die andere Seite – selbstverständlich hatte es mein kleiner Stoppel auf dem Rückweg über den Fluss neuerlich vorgezogen, tief und kräftig unterzutauchen. Völlig durchnässt und tief deprimiert verschwand er im Küchenzelt um sich mit ausreichend Roxy den Kummer von der geschundenen Seele zu spülen. Ich bin mir nicht sicher, ob es nur die aus seiner Sicht erlittene „Schande“ war oder die Angst vor dem nächsten Morgen – weil da mussten wir ein drittes Mal auf die andere Seite des Flusses. Vorsorglich hatte ich den Pferdeführer der Gruppe gebeten, meinen Schwimmschüler mit einem seiner Tragetiere ans andere Ufer zu bringen – obwohl er zugesagt hatte, wollte er aber am nächsten Morgen nichts mehr davon wissen. Also musste ich mit einem Notfall-Plan ran – zuerst mein Gepäck auf die andere Seite gebracht, wieder zurück zu meinem bis auf die Unterhose entkleideten Begleiter, seinen Rucksack umgeschnallt und ihn fest an die Hand genommen klappte es diesmal ihn relativ sicher ins Trockene zu bringen. In aller Früh 3x hintereinander durch einen eiskalten Fluss zu waten hinterlässt seine Spuren – es dauerte ungefähr 15 Minuten, bis ich in meinen Beinen wieder etwas fühlen konnte.

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Damit war der erste Teil meines Dolpo-Trecks abgeschlossen – ab Dho Tharap verließen wir den üblichen Weg und schlugen uns immer dem GHT folgend in Richtung Westen, also ins Mustang/Anapurna Gebiet durch. Die zweite Etappe war zwar kulturell nicht so eindrucksvoll wie der klassische Dolpo-Treck – dafür aber von der Herausforderung um einiges anstrengender.
Bis bald
Heinz

 

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