Endlich geht‘ s los. Nach 6 Monaten Vorbereitung und langer Anreise brennt’s so richtig unter den Zehennägeln. Die Vorfreude auf den Fußmarsch ist riesig und läßt sich auch nicht durch eine leicht aufkeimende Ungewissheit wirklich trüben. Wenn mein Rucksack irgendwo im Weg herumsteht und ich ihn überheben muss kribbelts dennoch im Bauch. 35 Kg trocken sind kein Honigschlecken – gemeinsam mit meinen etwas mehr als 95 Kg walzen hier in naher Zukunft 130 Kg Gesamtgewicht durch die Berge. Klingt erheblich nach Anstrengung.

Während der zum Teil sehr intensiven körperlichen Vorbereitung war die größte Herausforderung dieses „Kampfgewicht“ erst aufzubauen und dann zu halten. Den Trek mit geringerem Gewicht anzutreten wäre fahrlässig und am Ende gesundheitsgefährdend, die Wahrscheinlichkeit vorzeitig abzubrechen würde steigen. Andererseits beim Gepäck einzusparen ginge auf Kosten der Sicherheit oder der Foto- und Filmausrüstung. Gesund heimkommen möchte ich schon und gutes Bildmaterial hätte ich auch gerne – womit sich der Gedanke das Equipment zu reduzieren relativ rasch von selbst erledigt. Trotz mehrerer Versuche die Packliste zu überarbeiten, ist es mir nicht gelungen maßgeblich Gewicht einzusparen.

Beim letzen Trekking in den Himalayas betrug mein Gewichtsverlust ungefähr 6 bis 7 Kg pro Monat – also in 3 Monaten ca. 20 Kg. Das vorzeitige Ende der Reise und ein kostenloser Heimflug mit der Ärzteflugambulanz war die Folge. Durchschnittlich 50h pro Woche die Berge rauf und runter, zusätzlich durch die Höhe und der damit verbundenen Abnahme des Hungergefühls nicht ausreichend gegessen – da waren sie dann gepurzelt, die Kilos. Eine von vielen Herausforderungen auf diesem Trek wird es deshalb, diesen Gewichtsverlust zumindest um die Hälfte zu reduzieren, d.h. mehr als 3 – 4 Kg pro Monat dürfen es diesmal nicht werden.

Sikkim ist ideal zur Akklimatisation, dient quasi zum Aufwärmen, zum Eingewöhnen in einem überschaubaren und sicheren Rahmen. Hier kann man kaum verloren gehen. Sikkim, der zweitkleinste Bundesstaat Indiens – zwischen Bhutan und Nepal gelegen – ist Himalaya pur, ist von der Landschaft und den Menschen ein perfektes Abbild dessen im Kleinen, was mich in den nächsten Monaten im Großen erwartet. Diese Mischung aus unterschiedlichen Volksgruppen, Sprachen, Religionen, Kulturen und Mentalitäten gewöhnt an die Menschen im Himalaya ebenso, wie die Höhenwanderung zum Goecha La mit knapp 4900m Seehöhe auf die kommenden rauen und einsamen Wochen in den Bergen Nepals.

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Die Idee ist also, zuerst von Gangtok im Osten Sikkims 120 km durch die Berge bis nach Yuksom im Westen zu gehen, um von dort dann auf einen vorgeschobenen Aussichtspunkt am Fuße des Kandzchenjunga zu steigen, den mit 8.586 m Seehöhe dritthöchsten Berg der Erde und zugleich östlichsten 8.000er.

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Bergbegeisterte aus aller Welt nehmen jedes Jahr weite Anreisen auf sich, um aus sportlichen und kulturellen Gründen oder auch nur zum Ausgleich Tage-, Wochen- oder gar Monatelang durch die Himalayas zu wandern.
Die Einheimischen, die hier in den Bergen leben und sich täglich auf und ab mühen können dagegen nichts erfreuliches daran finden, freiwillig solcherart Strapazen auf sich zu nehmen.

Wahrscheinlich deshalb waren die Augen der jungen Dame im staatlichen Tourismusbüro von Gangtok riesengroß und voller Erstaunen als sie hörte, dass ich zu Fuß von Gangtok nach Yuksom gehen wollte und von ihr gerne Informationen dazu hätte. Auf einer offiziellen Trekking-Übersicht Sikkims im Internet war diese Route eingezeichnet und wenn jemand dazu näher Auskunft geben kann, dann sie.

Warum denn zu Fuß gehen? Es gibt in Sikkim ja Autos.
Die Antwort war logisch – und ich habe keine Ahnung wie ich auf die Frage eines Inders in Österreich reagieren würde, der von mir den Fußweg von Graz nach Wien erklärt bekommen möchte. Offensichtlich hatte sie solch ein Anliegen noch nicht und nachdem geklärt war, dass es mein freier Wille ist und nicht aus Kostengründen geschieht (bei ca. 4€ Fahrpreis im Shared-Taxi war das nicht so schwierig) bekam ich nach einigen Erkundigungen ihrerseits die Auskunft, es geht nicht, diese Wege gibt es nicht mehr. Sie wurden ersetzt durch Straßen, verbaut oder zu Ackerflächen. Keine Chance abseits der Straße von Gangtok nach Yuksom zu gehen.

Eine gewisse Lernschwäche hatte ich schon immer, vor allem bei Dingen die mir gegen den Strich gingen. Also am nächsten Morgen ins Taxi gesetzt und raus vor die Stadt nach Rumtek gefahren, kurz das Kloster besucht und dann einfach losmaschiert. Der alte Weg kam hier vorbei, Rumtek liegt hoch über der Hauptstraße mit einem berühmten buddhistischen Gompa. Wenn es möglich ist zur nächsten Station Richtung Ravangla loszumaschieren, dann von hier.

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Die ersten beiden Stunden waren eine wenig befahrene Strasse (nach Sang) entlang des Berges, dann ging es eine Stunde durch Äcker und Rhododendren einen Short-Cut (Abkürzung) steil in das Tal um dann schließlich wieder auf einer wenig befahrenen Straße die nächsten beiden Stunden bis zur Hauptstraße zu gelangen. Das war’s fürs erste.

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Der Versuch am nächsten Morgen vom Tal (Singtam) aus den nächsten Short-Cut auf den Berg hinauf (nach Ravangla) zu finden scheiterte– dafür bekam ich mehrmals ein müdes Lächeln und „No Short-Cut, you have to take a Taxi, Sir“ zur Antwort.

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Planänderung. Als Opfer des Fortschritts beuge ich mich den Tatsachen und beschließe die Anreise nach Yuksom mit Shared-Taxis (Jeeps) weiterzuführen. Bin darüber gar nicht so unglücklich, weil seit meiner Ankunft in Gangtok hatte es bis jetzt täglich für mehrere Stunden geregnet. So werden die ersten paar Tage halt verstärkt kulturell genützt, weil sehenswerte Klöster gibt’s genug. Außerdem, Fahrten in überfüllten Jeeps auf schlechten und engen Straßen durch die Berge können höchst spannend sein und haben damit auch ihren Reiz.

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2 Tage später nach 5-maligem Umsteigen und einem Zwischenstopp in Pelling endlich in Yuksom angekommen, hieß es vorerst einmal so schnell wie möglich den Aufstieg zum Goecha La zu organisieren. Der Kandchenjunga und die Berge um ihn herum befinden sich im gleichnamigen Nationalpark, leider ist es nicht erlaubt ohne Genehmigung dorthin aufzusteigen – und diese bekommt man wiederum nicht ohne Agentur und eine durch einen Guide geführte Tour. Vom Schwierigkeitsgrad wäre es nicht Notwendig. Aber verständlich ist es, da die Menschen hier in dieser Region nichts anderes zu verkaufen haben als ihren Berg.

Während der Wartezeit auf meinen Trek bin ich auf eine Gruppe von vier jungen Rucksacktouristen getroffen die versucht hatten, den Aufstieg im Alleingang ohne Guide und Genehmigung in Angriff zu nehmen. Weit sind sie nicht gekommen – bereits in der ersten Ansiedlung (Baktim) wurden ihnen von den Einheimischen das Essen verweigert und mit der Polizei gedroht. Nach 12 Stunden waren sie wieder in Yuksom.

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Eine passende Tour ist gefunden, der Anbieter scheint halbwegs vernünftig und zuverlässig – jedoch wie in Indien halt so üblich, ist Zeit keine lineare Abfolge von Tagen, Stunden oder Minuten mit der Möglichkeit fixe Termine zu vereinbaren, sondern Zeit findet erst dann statt, wenn das Ereignis auch wirklich eintritt – im Falle meines Trek’s gleich einmal 24 h später als vereinbart. Trotz des weiter anhaltenden täglichen Regens lässt sich die Wartezeit auf den Abmarsch durch kurze Ausflüge zu Aussichtspunkten und Klöstern verkürzen und – so die Zeit kommt – geht es morgen früh diese Tal hinauf in Richtung Kandchenjunga.

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