Islamabad, die Hauptstadt Pakistans ist ein gesichtsloses Kaff ohne natürlich gewachsenen Stadtkern. In den 1960er Jahren als administratives Zentrum auf einer grünen Wiese gegründet, findet man hauptsächlich diplomatische Niederlassungen, Beamtenburgen und Zweigstellen internationaler Konzerne, entlang am Reißbrett geplanter drei- oder vierspuriger Straßenzüge. Die Menschen leben in Wohnsiedlungen in ihren, ebenfalls von Mauern umgebenen, mit Stacheldraht versehenen und privaten Security-Diensten bewachten Einfamilienhäusern oder Wohnblöcken, die Straßen sind mit Fahrzeugen überfüllt, aber sonst mit Ausnahme von Sicherheitsbeamten und privaten Wächtern menschenleer – jeder fährt wenn nur irgendwie möglich mit dem eigenen Auto. Die gewohnte geschäftige Betriebsamkeit in den engen Gassen der Städte Süd-Asiens findet man ebenso wenig wie Busse oder Sammeltaxis, die von jedem der es sich leisten kann, gemieden werden. Perfekt abgerundet wird das schmucklose Stadtbild durch Einkaufszentren, wie wir sie aus Europa und der USA kennen – Shopping-Malls in denen man lokalen Ramsch genauso angeboten bekommt, wie die internationalen Waren westlicher Mode-, Elektronik- und Lebensmittelgeschäfte, dazwischen ein paar Restaurants und Kaffeehäuser um die zahlungskräftige Elite des Landes mit ausreichend Konsumgütern und Fast-Food zu versorgen. Diese Kommerzbunker bilden die eigentlichen, verteilten Zentren der Stadt – sie sind die einzigen Märkte, an denen man etwas vom Leben spürt, wo man zumindest einige Menschen in den Cafes, auf den Straßen und Plätzen vor den Geschäften antreffen kann. Das wirklich ganz besondere an diesem Ort ist aber – es war die erste Stadt, die überhaupt nichts Sehenswertes zu bieten hatte, einen See an dem sich die Einheimischen trafen und auf das Wasser blickten, das war‘s. Also in puncto Sightseeing ein jungfräulicher, dunkler Fleck ohne historischen Hintergrund, völlig befreit von jeglicher touristischer Attraktivität.

1-_MG_7142

1-_MG_7146

1-_MG_7172

1-_MG_7173

1-_MG_7169

1-_MG_7150

1-_MG_7152

Zehn Tage wie ein großer, fetter Vogel in einem zu kleinen goldenen Käfig zu sitzen, nervt. So lange hatte es nämlich gedauert, bis ich mein indisches Visum für die Rückreise nach Kathmandu in den Händen halten konnte. Obwohl ich es bereits direkt nach meiner Ankunft in Pakistan beantragt hatte, kam es durch den Ramadan und die darauffolgenden Feiertagen Eid (vergleichbar mit unseren Weihnachten) zu unnötigen Verzögerungen. Hätte ich wie gewünscht meine Zeit in den Bergen verbringen können, wäre alles kein Problem gewesen, weil mit der geplanten Rückkehr aus dem Norden meine Reiseerlaubnis abholbereit bereitgelegen wäre. So aber war der einzige Grund der mich noch in Pakistan hielt, das fehlende Visum für die Durchreise nach Indien.

Internet und Bücher im klimatisierten Raum können Berge und Natur unter freiem Himmel nicht ersetzen –deswegen war ich eigentlich nach Pakistan gekommen. Die Wut und der Ärger über all diese sinnlos gewalttätigen Idioten, die mir meine Umrundung des Nanga Parbats gestohlen hatten, meinen persönlichen Anspruch auf Qualität des Reisens vermiesten, wurde mit jedem Tag des Wartens größer. Ich hatte mit einigem gerechnet – aber nicht damit, dass die Herausforderung in den Bergen bereits nach drei Tagen endet. Keine Ahnung, ob dieser Unsinn mit Terror und dem wahllosen Töten in dieser Region je ein Ende haben wird und ob ich nochmals die Gelegenheit bekomme, die geplante Tour zu vollenden, ungestört über die Pässe in die Diamir- und Herrligkoffer Base Camps zu wandern. Tausende Kilometer unter Strapazen mit Bussen bis in diese Region zu reisen, um dann unverrichteter Dinge wieder das Weite zu suchen, frustrierte ebenso, wie der Anblick des Leids Unschuldiger und die Sorge um die eigene Sicherheit. Selbst der Spezialauftrag meiner Chefin (-> meine Freundin Bine) Körperpflege der besonderen Art zu betreiben, nämlich die Zeit zu nutzen und täglich zu futtern, bis der Hosenbund platzte, half nicht wirklich die Stimmung zu heben.

Aber trotz dieser unangenehmen Aspekte meines Aufenthaltes in Pakistan gehörte ich wieder einmal zu den Glücklichen, den Privilegierten die dem Ganzen entfliehen können. Im Gegensatz zum friedliebenden Großteil der pakistanischen Bevölkerung kann ich das Land verlassen, den Wahnsinn schön langsam wieder vergessen. Die Leute die hier leben können einen so richtig leid tun. Sie sind hin und her gerissen zwischen den fundamentalen Lehren muslimischer Mullahs und den westlichen Werten einer globalisierten Konsumgesellschaft. Ländlich religiöse Tradition trifft auf die jugendliche Freizügigkeit der Metropolen, Analphabetismus und Armut auf hohes Bildungsniveau und relativen Reichtum. Menschen mit mittelalterlichen Wertvorstellungen leben Tür an Tür mit jenen, die bereits im 21. Jahrhundert angekommen sind. Es geht ein tiefer Spalt durch die Gesellschaft, der gemeinsam mit der willkürlichen Gewalt und den staatlichen Repressionen zu den ungesunden, allseits bekannten Folgen von Dauerstress führt. Traumata, Verzweiflung, Aggression und exzessiver Drogenkonsum betreffen die breite Masse, die nicht in der Lage ist diesem Towuwabohu zu entfliehen. Nachträglich erklärt das auch, weshalb die Leute in den Bergen und auf dem Weg zurück nach Islamabad so ernst geschaut haben – weil sie einfach nichts zum Lachen haben…

Mein Fazit nach fast drei Wochen persönlichem Ausnahmezustand – aus der Umrundung meines emotionalen Favoriten unter all den 8000ern, Nanga Parbat, ist leider nichts geworden. Statt durch die Berge zu laufen tatenlos in einem Hotel herumsitzen, dabei unnötig Zeit verplempern, ist nicht meine Sache. Etwas Linderung verschafften zumindest die Bilder der Wettersatelliten, die während des gesamten Aufenthaltes, eine durchgängige, fette Wolke über den nepalesischen Himalayas zeigten – wenigstens verzögerte sich dadurch die weitere Tour nicht unnötig. Das Gewalt keine Lösung für das dauerhafte lösen von Problemen ist, wissen offensichtlich immer nur die friedliebenden Menschen – gewaltbereite Minderbemittelte sterben nicht aus, daran dürfte sich auch in näherer Zukunft zumindest in diesem Teil der Erde nichts ändern. Hunderte Menschen kommen jedes Jahr in Pakistan durch Anschläge und militärische Angriffe ums Leben – nüchtern betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit bei einem normalen Autounfall ums Leben zu kommen, aber noch immer um ein vielfaches höher. Trotzdem, alleine das Wissen um die potentielle Gefahr verändert das eigene Verhalten und die Persönlichkeit in einem Ausmaß, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Eine neue Erfahrung, teuer erkauft und durchaus verzichtbar.
Alles in allem – Pakistan und ich wurden keine engen Freunde, zumindest nicht bei diesem Aufenthalt – vielleicht beim Nächsten, wenn es einen solchen gibt. Insallah – so Gott will…

Leave a Reply