Ich habe mich auf diese Durchquerung der Himalayas begeben um Positives in herrlichen Landschaften, unter freundlichen und entspannten Menschen, Kulturen und Religionen unterschiedlicher Bergregionen zu erleben, persönlich die eine oder andere sportliche Herausforderung und auch Bergabenteuer zu bestreiten, um am Ende dieser Reise gutes Bildmaterial und spannende Geschichten mit nach Hause zu bringen. Was ich auf keinen Fall wollte war, mich mit der aktuellen Tagespolitik Pakistans, mit Terrorismus und Gewalt zu beschäftigen. Leider haben die Ereignisse während meines (relativ kurzen) Aufenthaltes im Norden des Landes eine unvorstellbar brutale und menschenverachtende Wende genommen, dass mir leider nichts anderes übrig blieb, als vorzeitig nach Islamabad zurückzureisen und mehr über den täglichen Wahnsinn in Pakistan als über die Berge am westlichen Ende des Himalayas zu erzählen.
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18 Stunden im Bus hatte es gedauert, um von Rawalpindi, der unmittelbar an Islamabad grenzenden Nachbarstadt, bis zur Raikot Brücke – dem Ausgangspunkt für die geplante Umrundung des Nanga Parbats – in den nördlichen Territorien Pakistans zwischen Chillas und Gilgit gelegen, zu gelangen. Der Großteil der Strecke entlang des Karakoram Highways (KKH) wurde über Nacht zurückgelegt. An Schlaf war dabei aber nicht zu denken, denn als Ausländer musste ich stündlich aus dem Bus steigen, um mich an den Checkposts der Polizei oder der Armee zu registrieren.

Mit der Umrundung des deutsch-österreichischen „Schicksalsberges“ hätte ich den westlichsten der im Himalaya befindlichen 8000er erreicht und meine Durchquerung dieses Gebirgszuges abgeschlossen – wären da nicht noch in den nächsten drei bis vier Monaten jene Teile des Great Himalaya Trails in Nepal zu absolvieren, die wegen des vorzeitig einsetzenden Monsuns im Frühjahr nicht zu begehen waren.

An der Brücke warteten bereits mehrere Jeeps die Touristen ein Tal entlang nach Tato, einem kleinen Ort unterhalb jenes Base Camps bringen, von dem aus im Jahre 1953 dem Kitzbühler Hermann Buhl die Erstbesteigung des Nanga Parbats gelungen war. Dieses Tal steht mit all seinen Lodges und Restaurants, den Jeeps, den Trägern und den Trageeseln unter dem Einfluss von zwei Familien, die auf Grund von Absprachen für ihre Leistungen völlig überzogene Preise veranschlagen. Nachdem ich nicht bereit war, für eine Strecke von 10 Km Autofahrt gleichviel zu bezahlen, wie ein pakistanischer Grundschullehrer im Monat verdient, hieß es also zu Fuß bis nach Fairy Meadows, einem Sommerlager für Hirten und Touristen mit mehreren Stein- und Holzhütten sowie zwei Lodges entlang einer Straße, zu marschieren. Von diesem Camp aus konnte innerhalb einer Stunde die etwas höher gelegene Hirtensiedlung Bayal (Beel) erreicht werden – mein eigentlicher Ausgangspunkt für den Besuch im an der Nordwand gelegenen Base Camp und die anschließende Umrundung des gesamten Bergstockes.

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An drei verschiedenen Tagen musste ich ins Base-Camp aufsteigen um den Nanga Parbat auch wirklich bei Schönwetter zu Gesicht zu bekommen – zwei Mal war ich alleine unterwegs und konnte deshalb die einfache, aber zum Teil sehr steile Strecke in 2 ½ Stunden rauf und runter zurücklegen. Am zweiten Tag hatte ich ziemlich zu Beginn pakistanische Touristen – einen Psychotherapeuten mit seinen erwachsenen Söhnen aus der südlichen Millionenstadt Karachi, also echte Flachland-Pakistanis – und ihren Guide aufgelesen, die unvorbereitet und völlig überfordert aufgebrochen waren, weshalb wir dann für denselben Weg 11 Stunden benötigten.

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Von diesem Base-Camp aus war der Kitzbühler Hermann Buhl im Juli 1953 gestartet,
um als Erster mit einer fast übermenschlichen Leistung (er war insgesamt 41 Stunden unterwegs gewesen) auf den Gipfel des „Killer-Berges“ zu gelangen – mehr als zehn deutsche und österreichische Bergsteiger hatten bis dorthin beim Versuch einer Erstbesteigung ihr Leben gelassen. Eine Grab-und Gedenkstätte im Base-Camp erinnert an zwei Alpinisten aus Deutschland und Südtirol – einer war im Jahre 1935, der andere erst kürzlich im Jahr 2008, verunglückt.

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Eigentlich wollte ich nur einen Tag in Bayal verbringen, aber beim Einholen von Informationen zum genauen Streckenverlauf für die Umrundung musste ich leider erfahren, dass es im Moment auf keinen Fall möglich ist, diese Route im Alleingang zu bewältigen. Mit der Überquerung des ersten Passes kommt man für drei Tage in ein Gebiet mit dem Namen Bazeri Indus Kohistan, bevor man das sichere Diamir Base Camp an der West-Seite des Berg-Massivs unterhalb des berüchtigten Mazeno-Passes erreicht. Seit Monaten gäbe es dort ethische Unruhen mit mehreren Toten, kriminelle Banden würden diese Situation ausnützen und jeden der alleine ist und nicht unmittelbar aus der Region käme überfallen oder gar kidnappen, wurde mir vom einzigen Polizisten in Bayal erklärt. Selbst die Leute aus seinem Dorf gingen nur wenn unbedingt notwendig – und auch dann nur in Gruppen – über den Pass. Zwei Tage hatte ich gewartet um mit Hilfe des Polizisten eine solche Gruppe zusammenzustellen. Aber obwohl ich bereit war, fast das Doppelte des üblichen Marktpreises für Guides zu bezahlen, traute sich keiner mit mir diese drei Tage in Angriff zu nehmen. Zuerst war ich nicht sicher, ob mir nicht nur ein weiteres Märchen auf dieser Reise aufgetischt wurde, um etwas Geld mit einem unwissenden Touristen zu verdienen und den Preis in die Höhe zu treiben.

Aber die Menschen hier im Norden in den pakistanischen Himalayas verhielten sich irgendwie anders als in den weiter östlich gelegenen indischen und nepalesischen Bergen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, ob es nur an der Region oder auch an der Zeit lag in der sie lebten. Männer blickten finster und düster, agierten gefühlt feindselig, versteckt hinter ihren langen Bärten, praktizierten auffallend orthodox den muslimischen Glauben und wenn man sie grüßte, gab es keine Erwiderung – obwohl der Tourismus in dieser Region die einzige Einnahmequelle darstellt und sie an Ausländer gewöhnt sein müssten. Frauen bekam man keine zu Gesicht, wenn dann nur kurz und verschleiert und wollte man in den Dörfern fotografieren, wurde man davon abgehalten. Das Bedrückendste aber war das verschwundene Lachen. Niemand zeigte während meines Aufenthaltes in den Bergen ein Lächeln oder hatte gelacht, nicht einmal die sonst so fröhlichen Kinder in den Bergdörfern. Dieses Verhalten war zumindest höchst sonderbar und hatte bei mir das erste Mal nach 4 ½ Monaten ein undefiniertes, unangenehmes Gefühl hervorgerufen. Hinzu kam – nachdem dieser weit überhöhte Betrag für mögliche Begleiter keinen Anreiz darstellte, war klar, dass ich wirklich nicht zu meiner Tour über den Pass aufbrechen konnte und eigentlich auch nicht mehr wollte. Die Wahrscheinlichkeit, die Foto-oder Bergausrüstung zu verlieren war offensichtlich höher als sonst – das Risiko stand nicht dafür, weil der Verlust des Equipments gleichzeitig das Ende meiner Reise bedeutet hätte.

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Also wieder einmal Planänderung: Zurück zur Raikot-Brücke, von dort mit dem Jeep auf die Rückseite des Nanga Parbats bis nach Astor, um entlang des Rupal-Flusses ins Herrligkoffer Base Camp und dann weiter ins Diamir Base Camp zu gelangen. Die Rückseite, also das Gebiet um die Südflanke dieses 8000ers galt als friedlich und ruhig.

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Nachdem wandern entlang von Straßen nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt, vereinbarte ich auf dem Rückweg nach Raikot in Fairy Meadows meine neu gewonnenen pakistanischen Bergkameraden aufzulesen, um mit ihnen einen Jeep bis zur Brücke zu teilen. Drei australische Botschaftsangehörige die sich ebenfalls in diesem Camp aufhielten, hatten gerade zu dem Zeitpunkt als ich dort ankam über Satellitentelefon beunruhigenden Nachricht aus Islamabad erhalten – sie bekamen vom Botschafter die Order, umgehend ins Konsulat zurückzukehren, durften allerdings nicht über den Landweg reisen sondern wurden entlang des KKH‘s bis nach Gilgit eskortiert, um mit dem Flugzeug ausgeflogen zu werden. Ein sehr blutiger Anschlag habe in unserer unmittelbaren Nähe stattgefunden, genauere Informationen gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine – nur Gerüchte.

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„Shangri-La“ nennt sich das einzige Hotel an der Raikot-Brücke direkt gegenüber der örtlichen Polizeistation, unser Zufluchtsort bis zum nächsten Mittag. Diese Herberge repräsentierte selbst für pakistanische Verhältnisse eine perfekte Kombination aus überhöhten Preisen und unterdurchschnittlicher Qualität und hatte nichts von dem Mythos und Flair des gleichnamigen, sagenumwobenen Ortes im tibetischen Himalaya an sich. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen in den höher gelegenen Camps war es hier in diesem engen, karstigen Tal an den Ufern des Indus sehr heiß und trotz der außerordentlich trockenen Berghänge schwül.

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Lokale Polizisten und Al-Jazeera International versorgten uns mit den ersten, äußerst grausamen Details zur aktuellen Lage. In der Nähe des 45 Minuten entfernten Chillas ereignete sich an diesem Morgen ein Terroranschlag auf Busreisende, bei dem 22 unbewaffnete schiitische Moslems aus drei Bussen gezerrt und kaltblütig erschossen wurden. Die Selektion der Opfer dauerte mehr als drei Stunden. Als Armeeangehörige verkleidete sunnitische Terroristen hatten die Busse gestoppt, anhand der Länge der Bärte (kein Witz – leider traurige Wahrheit), den Namen und gezielter Befragung die Schiiten identifiziert und anschließend vor den Augen der restlichen Fahrgäste – Sunniten und äußerst friedliche Ismailis aus dem Hunza-Tal – kaltblütig hingerichtet. Die Täter konnten auf ihren Motorrädern unerkannt entkommen. Es handelte sich dabei um den vierten Anschlag in einer Reihe von Gewalttaten, die alleine zwischen den Orten Chillas und Gilgit innerhalb der letzten drei Monate mehr als 60 Todesopfer forderten. Als erste Reaktion der Behörden wurden Ausgangssperren in jenen Orten verhängt, aus denen die Opfer kamen – also Gilgit, Astor und Naggar (nach Hunza), die Busverbindungen eingestellt und der KKH zwischen Chillas und Gilgit in Richtung Norden gesperrt. Zum einen erwartete man mit der Überführung der Opfer Massenkundgebungen und Ausschreitungen, und zum anderen wusste jeder genau, auf einen sunnitischen Anschlag folgt in Kürze ein schiitischer. Ein terroristisches Ping-Pong, eine Spirale der Gewalt in der die meisten nicht mehr wissen, wie alles begonnen hat sondern nur, welche Gruppe es als nächstes treffen wird.

In dieser Bergregion zwischen Hindukusch, Karakorum und Himalaya mit seiner ausgeprägten Kalaschnikow-Kultur ist solch eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit für die nächsten sieben bis zehn Tage sicherlich eine sinnvolle Maßnahme – nur leider war es für mich äußerst unangenehm, weil es genau jene Gebiete betraf, in die ich noch am selben Tag weiterfahren wollte. Auf der anderen Seite war ich aber auch froh, nicht schon in Astor zu sein – meine pakistanischen Freunde sprachen perfekt Englisch, konnten mir die Situation und Hintergründe genau erklären und ich konnte angemessen reagieren. Elf der Opfer kamen aus Astor – ich wäre unweigerlich dort festgesessen, ohne genaue Informationen zur aktuellen Lage zu erhalten und auf Grund der Ausgangs- und Straßensperren nur schwer weitergekommen. In den schiitischen Großfamilien vor Ort hatte zwangsweise jeder einen Angehörigen unter den Terroropfern, was zu kollektiver Wut, Trauer und hysterischen Massenprotesten führt, bei denen unisono Waffen getragen werden. Da fängt man sich auch als Unbeteiligter leicht eine verirrte Kugel ein oder stolpert über eine Bombe.

Der eigentliche Hintergrund für diese Tat liegt in der unterschiedlichen Religionsauffassung der beiden dominierenden muslimischen Glaubensrichtungen, den Sunniten und Schiiten – in etwa mit den christlichen Katholiken und Protestanten vergleichbar (siehe Wikipedia). Wie in der gesamten islamischen Welt leben auch hier in Pakistan ungefähr 85% Sunniten und 15% Schiiten, wobei es sich bei Chillas um eine rein sunnitische Gemeinde handelt, während weiter im Norden in Gilgit, Astor und Naggar hauptsächlich Schiiten gemeinsam mit einer sunnitischen Minderheit leben.

Man kennt die Hintermänner für diese Bluttaten. Regional sind es zwei sunnitische Geistliche, zwei Mullahs – einer in Gilgit der andere in Chillas – die in ihren Hasspredigten so lange zur Gewalt gegen Schiiten aufriefen, bis die erste Bombe detonierte. Der eigentliche Mastermind hinter dieser erst kürzlich eskalierten Gewaltserie sitzt aber weiter südlich im Bundesstaat Punjab. Ebenfalls ein Mullah, erst vor einem halben Jahr vorzeitig nach zehn-jähriger Haft entlassen, um die Lokalregierung bei Regionalwahlen zu unterstützen – was übrigens erfolgreich gelang. Es ist ein offenes Geheimnis in Pakistan, dass er die Auflage bekam, wenn er schon unbedingt Terror betreiben müsse, dann möge er diesen tunlichst außerhalb der eigenen Provinz veranstalten.

Obwohl eine demokratisch gewählte Regierung das Land nach außen vertritt, ist die Atommacht Pakistan ein repressiver, mit Unterstützung von US-Militärhilfe finanzierter Polizei-und Militärstaat, in dem die wahren Machthaber in den Kasernen sitzen. Die in Pakistan gegründete und mit arabischen Ölmilliarden finanzierte Taliban-Bewegung bekämpft mit Beteiligung des pakistanischen Geheimdienstes ISI vom afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aus seit 2002 die afghanische Regierung in Kabul, über Jahrzehnte werden internationale Terroranschläge, wie der vor wenigen Jahren im indischen Mumbai oder jene in den letzten Tagen von Islamabad aus organisiert bzw. stillschweigend geduldet. Während nach 9/11 Osama bin Laden und sein Terrornetzwerk Al-Quaida systematisch auf der ganzen Welt im Krieg gegen den Terror ins Visier geriet, konnte sich der Kern dieser Organisation ohne Bedrängnis in seine pakistanische Zentrale zurückziehen und immer wieder aufs Neue reorganisieren. Menschenrechte enden in diesem Land dort, wo der Einflussbereich des Militärs und des Geheimdienstnetzes beginnt. Es ist ein leichtes, für weitaus geringere Vergehen jahrelang ohne Gerichtsverhandlung in einem
Militärgefängnis oder überhaupt für immer in einer Sandgrube zu verschwinden. Wollte man Ernsthaft den Terror abstellen, wären die Verantwortlichen längst aus dem Verkehr gezogen. Aber solange Militär und ISI im Inland die systematische Destabilisierung der Zivilregierung zur Stärkung der eigenen Machtposition betreiben und die Nachbarländer Afghanistan und Indien mit Gewalt und Schrecken attackieren, nutzt man diese fundamentalistischen Terrorgruppen als Instrument für seine Zwecke und nimmt sowohl zivile als auch militärische Opfer aus den eigenen Reihen in Kauf.

Ausländer waren bisher von diesen Anschlägen ebenso wenig betroffen wie Angehörige anderer Religionen, weshalb wir alle vier nicht befürchten mussten, als unmittelbare Zielscheibe zu dienen. Meine aus Karachi stammenden Begleiter hatten ihr eigenes Auto mit Chauffeur an diesem Hotel abgestellt, waren also mobil, von öffentlichen Verkehrsverbindungen unabhängig und hatten glücklicherweise noch einen freien Platz zur Verfügung. Gerade als wir gemeinsam besprachen wie wir weiter vorgehen könnten, um vielleicht doch noch auf die andere Seite des Nanga Parbats oder ins Hunza-Tal zu gelangen, kam über die Fernsehnachrichten die Meldung, dass am gleichen Vormittag in der nordwestlich von Islamabad gelegenen Stadt Attoka ein Luftwaffenstützpunkt von Taliban-Terroristen attackiert wurde, wobei es 15 Tote und zerstörte Flugzeuge gegeben hatte. Keine zehn Minuten darauf eine weitere Schreckensnachricht. In Karachi detonierte eine Bombe in einem Nahverkehrsbus im schiitischen Stadtteil und forderte ebenfalls 22 Tote und 70 Verletzte. Offensichtlich gab es an diesem Tag in Pakistan eine Reihe von gut organisierten Terrorakten, war sozusagen „Großkampftag“, für die dann schließlich nochmals zehn Minuten später die Taliban via Fernsehen die Verantwortung übernahmen und gleichzeitig klar stellten, dies sei erst der Anfang gewesen, weitere Anschläge würden folgen.

Eine Mitteilung, die unsere persönliche Sicherheitslage schlagartig veränderte. Offensichtlich gab es hier im Norden ein terroristisches „Joint-Venture“, bei dem lokale sunnitische Terrorzellen gemeinsam mit den international aufgestellten, von Militär und ISI zumindest geduldeten Taliban agierten. Und wie in Vergangenheit oftmals bewiesen, machten diese auch nicht vor Ausländern halt. Hätte sich ein Tourist in einem dieser Busse befunden, wäre er zumindest gekidnappt worden. Das Bedrohungsszenario hatte sich für mich dadurch verändert – war zuerst „nur“ darauf aufzupassen, nicht zufällig oder unbedacht zwischen die Fronten zu geraten, hieß es jetzt als potentielles Ziel durch die Gegend zu laufen.

Planänderung von der Planänderung: Die drei Pakistanis hatten jetzt die Hose gestrichen voll, sie wollten auf dem schnellsten Wege nach Hause. Sie befanden sich bereits ihr ganzes Leben in dieser gewaltsuchenden und einschränkenden Gesellschaft von Machtpolitik, muslimischen Fundamentalismus und Terrorismus, wussten aus den sich regelmäßig wiederholenden Berichten, wie schnell es gehen konnte, in diesem Land als Unbeteiligter Schaden zu nehmen. Bei mir war es eher ein diffuses, unbehagliches „Aha-Erlebnis“ – zum ersten Mal mitten drin und nicht nur übers Fernsehen dabei – umgeben von gezielter Gewalt zu sein, bedeutete eine völlig neue, schwer einzuordnende Erfahrung. Die sonst so erfolgreiche Strategie auf all meinen Reisen, sich zuerst einmal zurückzulehnen, Tempo rauszunehmen, mit Ruhe schauen wie sich die Dinge entwickeln und dann reagieren, funktionierte in diesem Umfeld nicht mehr. Alle Einheimischen und auch die Polizisten rieten uns, sofort nach Süden zu fahren, die Weiterreise oder der längere Aufenthalt in „wild wild north-east“ wäre zu diesem Zeitpunkt zu gefährlich gewesen. Der Beschluss gemeinsam mit dem Auto die sofortige Rückreise nach Islamabad anzutreten war rasch und einstimmig gefasst – wofür wir dann schließlich zwei volle Tage benötigen sollten.

Ich war sehr froh, mitgenommen zu werden. Nachdem keine Busse fuhren und auch sonst keine Möglichkeit bestand, wegen der Straßen- und Ausgangssperren nach Gilgit zum Flughafen zu gelangen, wäre zu befürchten gewesen, auf unbestimmte Zeit in einem grindigen, versifften und verstaubten Hotel in einer Ortschaft mit fünf Häusern irgendwo, im pakistanischen Nirgendwo festzusitzen.

Diese überfallenen Busse hatten den KKH vorzeitig verlassen und eine abgelegene, alternative Route über schlecht zu befahrende Bergstraßen durch das Kaghan-Valley gewählt, um eben dieser Gefahr eines Anschlags entlang des als weitaus gefährlicher bekannten KKH‘s zu entgehen. Leider hatte es ihnen nichts genützt. Wir entschieden uns ebenfalls für diesen Weg, denn der Logik zufolge sollten an genau dieser Straße auf Grund des Anschlags so viele Polizisten und Militärs unterwegs sein, so dass es als der sicherste Weg erschien.

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Gerade einmal 24 Stunden waren seit dem Anschlag vergangen und wir standen an jener Stelle, direkt über dem, im Sand getrockneten Blut. Gewebereste, verstreut herumliegende, aus den Taschen der Opfer gefallene kleinere Habseligkeiten und wahllos angeordnete dunkle Flecken sorgten für eine noch bedrückendere Stimmung.

Eher zufällig mussten wir dort anhalten, da ein Tumult zwischen einer Gruppe jüngerer Männer und mehreren Polizisten die Weiterfahrt verhinderte. Die Sicherheitskräfte kontrollierten jedes vorbeikommende Fahrzeug. Da sich die Insassen des vor uns fahrenden Autos nicht ausweisen konnten, durften sie nicht passieren und wurden zurückgeschickt – was den Herren offensichtlich nicht passte. Ein kurzes Gerangel und ein paar kleinere Handgreiflichkeiten führten zum demonstrativen Durchladen und Entsichern der Kalaschnikow’s. Die Nerven lagen blank in dieser Gegend. Die Polizei, selbst häufiges Ziel von Anschlägen, hatte alle Rechte. Tahir, der Psychotherapeut aus unserem Wagen stellte sich dazwischen, beruhigte die Lage und brachte die Heißsporne schließlich doch dazu, umzukehren. Auf die Frage was ohne sein dazwischen gehen passiert wäre, meinte er – im Originalzitat: „Die Polizisten waren drauf und dran, die Burschen mitzunehmen um ihnen nachdrücklich die Scheiße aus ihren kranken Gehirnen zu prügeln“.

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Der Anblick des Tatortes und die gleichzeitige explosionsartige Eskalation einer an sich völlig harmlosen Verkehrskontrolle hinterließ seine Spuren – war zuvor während der Autofahrt noch eine neutrale Unterhaltung möglich, veränderte sich dies danach für längere Zeit in ein beklemmendes Schweigen. Richtige Erleichterung gab es erst wieder am nächsten Tag, als wir die Stadt Abbottabad, etwa 2 Stunden nördlich von Islamabad gelegen, hinter uns ließen. Damit waren wir in der Provinz Punjab angelangt, hatten sozusagen die akute Gefahrenzone Nord-Ost Territorien verlassen, glücklicherweise ohne dabei auf ernsthafte Probleme zu stoßen.

Abbottabad ist übrigens jener Ort, in dem vor ungefähr einem Jahr Osama bin Laden von einer US-amerikanischen Spezialeinheit liquidiert wurde. Zwei Helikopter mit Spezialeinheiten waren in einer Nacht- und Nebelaktion über die Grenze aus Afghanistan eingeflogen und hatten, ohne zuvor die Verantwortlichen in Pakistan zu informieren, den Kopf von Al-Quaida in seinem Haus im Zentrum der Stadt erschossen. Das Haus wurde vor kurzem abgerissen und das Grundstück völlig eingeebnet, um keine Kult-Stätte für Terror-Touristen zu schaffen – auch wir durften dort nicht fotografieren. Die offizielle pakistanische Empörung ging durch die Weltpresse, weil vor dieser US-Kommando-Aktion Militär und Geheimdienst nicht eingeweiht wurden. Wenn man die Lage des Grundstücks betrachtet, weiß man warum dieser Einsatz der Amerikaner vor dem Verbündeten geheim gehalten wurde. Im Umkreis von wenigen hundert Metern liegen zwei Kasernen, die Militärakademie und das Militär-Hospital. Das Grundstück selbst befindet sich in einer Siedlung, in der auch jede Menge Militärs wohnen. Es ist zwar reine Spekulation, aber dabei an Zufall zu glauben wäre mehr als nur naiv. Vor allem, weil auf Grund der Vielzahl von erfolgten Anschlägen gegen militärische Einrichtungen in Pakistan die nähere Umgebung von Kasernen und Kommandozentralen systematisch beobachtet und regelmäßig vom Geheimdienst überprüft wird.

Zurück in Islamabad hatte sich, im Vergleich zum ersten Aufenthalt, das Lebensgefühl und mein Verhalten fürs Erste verändert. Diese „Leichtigkeit des Seins“ – wie so zutreffend im gleichnamigen Buch von Milan Kundera beschrieben – war völlig abhanden gekommen, stattdessen kam Misstrauen hoch, dass ich in dieser Form noch nicht kannte.

Normalerweise bin ich als Reisender gegenüber jedem misstrauisch. Aber das ist eine andere Form des Misstrauens – da geht es eher darum, sich nicht finanziell über den Tisch ziehen zu lassen oder irgendwelchen Kriminellen in die Hände zu fallen. Damit muss man eigentlich immer rechnen wenn man in Ländern mit hoher Armutsrate und geringer Bildung unterwegs ist. Menschen kämpfen täglich ums Überleben, hausen unter erbärmlichsten Bedingungen, wissen oft am Abend nicht was sie am nächsten Morgen ihren Kindern zum Essen auf den Tisch stellen sollen und haben von sich aus keine Chance, ihre Lage zu verbessern. Hohe Kriminalität, Drogenmissbrauch, Aggression und Gewalt sind die Folge. Unter solchen Umständen immer intelligentes, faires oder dem Gesetz entsprechendes Verhalten zu erwarten, wäre hochgradig blauäugig und gefährlich. Aber selbst in den gewaltbeherrschten Armenvierteln südamerikanischer Städte mit ihren ausufernden Kriminalitätsraten, in denen Überfälle an der Tagesordnung stehen, war das bisher kein Hinderungsgrund, alleine unter den Leuten zu leben und mich frei zu bewegen. Mit Erfahrung und richtigem Verhalten kann man potentiell gefährliche Situationen vermeiden. Selbst bei bewaffneten Überfällen kommt man in der Regel unverletzt davon, solange man vernünftig reagiert und Angreifer halbwegs zufrieden stellt, da es bei den dortigen Übergriffen gegen Ausländer fast ausschließlich nur ums Geld geht.

Wie aber reagiert man angemessen auf diese erhöhte Terrorgefahr oder gar auf einen Terrorüberfall? Die Zeiten sind vorbei, als Terroristen ausschließlich durch Banküberfälle und Entführungen Geld organisieren mussten, um dann erst ihrem eigentlichen Blutgeschäft nachgehen zu können. Geld und Waffen gibt’s hier im Überfluss, von der saudischen, fundamentalistisch-muslimischen Sekte der Wahabiten (-> Wikipedia) bereitgestellt. Sich mit ein paar Euro in der Tasche freikaufen funktioniert also nicht. Trotz des finanziellen Backgrounds sind Taliban und andere sunnitische Terrororganisationen nicht in der Lage, den pakistanischen Staat offen militärisch zu bekämpfen – wie dies z.B. im Nachbarland Afghanistan mit Unterstützung des pakistanischen ISI geschieht.
Das Ziel lautet also extreme Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu erzeugen, damit diese Druck auf die Regierenden ausübt und dadurch eine politische Veränderung in ihrem Sinne herbeiführt. Ins Visier geraten dabei wahllos die gemäßigte, schiitische Minderheit und sonstige „Ungläubige“, da sie nicht in die Wertvorstellungen eines fundamentalen Gottesstaates muslimischer Prägung – dem eigentlichen Endziel – entsprechen.
Die Mitglieder der Terrororganisationen werden bereits als Jugendliche, vornehmlich aus ärmeren, stark religiösen Schichten rekrutiert und über Jahre mit falschen Auslegungen des Korans indoktriniert – der Islam selbst gilt eigentlich als friedliche Religion. Der soziale Druck aus dem eigenen Umfeld und die Wut über zivile Opfer durch westlich Bombenangriffe sorgen für schier endlosen Nachschub an frischem Kanonenfutter. Nach erfolgreicher Gehirnwäsche glauben sie wirklich, in höherer, göttlicher Mission zu handeln – d.h. die Religion wird als Basis für diese terroristischen Akte genommen, um sich selbst zu überzeugen dass sie als Märtyrer ins Himmelreich eingehen und dort eine, wie auch immer geartete Existenz voller Freude mit 99 Jungfrauen an ihrer Seite bis in alle Ewigkeit zu führen. Was kann es also schöneres für einen jungen Mann geben, der an diese Geschichten glaubt, als so schnell wie möglich im Sinne der eigenen Sache Heldenhaft zu sterben? Das erklärt auch die vielen Selbstmordattentäter und Terrorkommandos, mit unglaublicher Todesverachtung weit überlegene militärische Ziele angreifen. Als zusätzliche Belohnung werden die Hinterbliebenen nach erfolgreichem dahinscheiden über einen längeren Zeitraum von den Terrororganisationen finanziell unterstützt. Für jemanden, der mit diesem Weltbild groß geworden ist und für den diese Märchen Realität sind ein durchaus attraktives Angebot. Welcher Mann würde nicht gerne bis ans Ende der Tage mit jungen, willigen Mädchen verbringen?

Wenn man also so einem irregeleiteten bewaffneten Terroristen mit Todessehnsucht gegenübersteht, braucht man nicht glauben, sich mit Geld oder Vernunft irgendwie aus der Situation rausreden zu können. Die Leute ziehen ihr Programm durch, je mehr sie ins Jenseits mitnehmen, umso besser. Man kann also nur versuchen, systematisch zu vermeiden überhaupt ins Schussfeld zu geraten. Das letzte, das man zu hören bekommen würde, wäre ein lautes und deutliches „Allah akbah“ – Gott ist groß. Das war’s dann, Game Over. Das fieseste an der Sache ist, niemand weiß genau wann, in welchem Teil des Landes und auf welche Art der nächste Anschlag verübt wird – gewiss ist nur dass wieder welche ausgeführt werden – laut Ankündigung sogar relativ bald.

Für mich bedeutete das ein Abkehren von meinen üblichen Gewohnheiten. Durch das gesteigerte Misstrauen war auf einmal jeder Verdächtig – je länger die Bärte umso suspekter wurden die Personen. Es ist unangenehm nicht zu wissen, ob die Gruppe von Polizisten, die mit ihren Schnellfeuergewehren das Auto aufhält wirklich Polizisten sind, oder nicht doch verkleidete religiöse Extremisten.

Sich selbst aus dem Verkehr ziehen, hieß also das aktuelle Motto, es gleich zu tun wie die meisten anderen Ausländer in dieser Stadt – zumindest so lange bis ich das indische Visum ausgestellt bekam und wieder ins Nachbarland abzischen konnte.
Vor diesen Erlebnissen in den Bergen war ich in Rawalpindi in einem kleinen Hotel abgestiegen, in dem sich hauptsächlich einheimische Geschäftsleute aufhielten. Stundenlange Streifzüge durch die Gassen der Handwerker-Viertel, unbeschwertes herumstreunen in den Bazaren, den Straßenküchen und Teehäusern waren ebenso selbstverständlich wie Fahrten in überfüllten Kleinbussen oder privaten Taxis.

Nach meiner Rückkehr aus dem Norden schlief ich in der Nähe des Diplomatenviertels der Hauptstadt in einem, mit einer hohen Mauer und Stacheldraht gesicherten, von ausreichend Security-Personal bewachten, hauptsächlich von reichen Pakistanis und Ausländern genutzten Hotel. Als einziger unter Einheimischen wäre ich nun zu sehr aufgefallen, als einer von vielen Ausländern geht man in der Anonymität der Masse unter. Orte mit Menschenansammlungen waren auf einmal ebenso Tabu, wie das Benutzen der Busse oder auf der Straße angehaltenen Taxis. Wenn schon Fahrten, dann mit dem hoteleigenen Service. Auf die Straße geht man hier nur wenn unbedingt nötig, ist aber auf jeden Fall vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück im Hotel.

Ich kann nicht beurteilen, ob dieses Verhalten völlig überzogen war, alle anderen Ausländer die ich traf hielten es aber ebenso, gingen eigentlich überhaupt nicht zu Fuß auf die Straße. Die einzige zugestandene Freiheit war der täglich 20-minütige Spaziergang in ein nahe gelegenes Kaffeehaus, selbstverständlich nie zweimal hintereinander auf derselben Route.

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Die Grenze zwischen notwendiger Vorsicht und Paranoia ist verschwommen, täglich kamen deshalb aufs Neue Zweifel auf, ob diese restriktive Selbstbeschränkung überhaupt notwendig sei und nicht nur eine Überreaktion auf das Erlebte. Menschen reagieren auf solche Ereignisse hysterisch, neigen zur übertriebenen Vorsicht – vielleicht hatte ich mich nur durch die ständigen Mahnungen anstecken lassen. Bei meinem ersten Aufenthalt, vor der Weiterfahrt in die Berge, war die Sicherheitslage um keinen Deut besser – nur, ich hatte von dem ganzen Irrsinn nichts mitbekommen und konnte mich deshalb frei und unvoreingenommen unter den Leuten bewegen. Das Gefühl, in irgendeiner Weise gefährdet zu sein, war nie aufgekommen.

Der regelmässige Blick auf die morgendlichen Nachrichten, rückte die Dinge aber wieder zurecht, zerstreute die Bedenken am Sinn des eigenen Handelns relativ rasch und nüchtern. Kein Tag verging ohne Gewaltereignis in Pakistan – ob amerikanische Drohnenangriffe auf Stellungen der Taliban, Anschläge von Taliban-Terroristen auf militärische und zivile Einrichtungen oder eine aufgebrachte Menge, die hier in der Stadt fast eine Familie gelyncht hätte, weil die 11-jährige Tochter des Hauses versehentlich zwei Seiten des Korans im Küchenherd verbrannte. Das Internationale Rote Kreuz hatte mit Ausnahme von Islamabad in allen Teilen den Landes seine Tätigkeit eingestellt und hunderte einheimische Angestellte entlassen, weil wiederholt Mitarbeiter entführt, gefoltert und anschließend getötet wurden. Die Seiten der englischsprachigen Tageszeitungen waren gefüllt mit Auflistungen aller aktuellen Gewaltakte und Reaktionen darauf, unterbrochen nur durch Fotos von den leblosen Gesichtern getöteter Terroristen sowie deren Opfer mit dem Aufruf, die Männer zu identifizieren. Das US-Amerikanische Außenministerium warnte seine Landsleute über die lokale Presse vor der gegenwärtig eskalierten Gefahr – man sollte unnötige Aufenthalte im Freien vermeiden, besser wäre es aber, das Land zu verlassen. Da war kein Platz für Informationen österreichischen Formats á la Baumeister Lugner und die psychosomatischen Verdauungsschwierigkeiten von Mausi und Katzi. Wie auch immer, der Wahnsinn schien Programm und in absehbarer Zeit kein Ende zu nehmen.

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