Kyerse La hieß der erste Pass, direkt nach Lingshed abseits der üblichen, touristisch erschlossenen Route in Richtung Padum. Mein nächstes Ziel sollte Dibling sein um von dort dann weiter Richtung Westen nach Rangdum und schließlich bis nach Kargil zu gelangen. Jetzt war ich wieder alleine unterwegs und die Frage, warum eigentlich niemand diese Route begeht, sollte ich in den nächsten Tagen ausführlich beantwortet bekommen. Bereits der Aufstieg zum Pass war so eine Sache für sich. Sechs Stunden extrem steil bergauf, einen Schritt vorwärts um dann wieder einen halben zurück zu rutschen, forderten abseits des Kraftaufwandes auch aufgeschlagene, blutige Knie und Ellbogen. Am Pass angekommen musste ich erkennen, dass es mir offensichtlich wieder einmal gelungen war, den falschen Weg zu wählen. Zwei andere, befestigte Pfade schienen zumindest von oben weitaus leichter, waren aber leider von meinem Ausgangspunkt am Fuße des Passes nicht einsehbar. Stattdessen hatte ich offenbar eine Abkürzung gewählt, die Pferdemänner mit ihren Tieren nur für den Abstieg benutzen.

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Wie bereits zuvor bei den meisten anstrengenden Etappen, bekam ich nach den größten Strapazen in irgendeiner Form eine Belohnung. Diesmal war es ein perfekter Zeltplatz. Das wichtigste beim Campen ist Frischwasser zum kochen – normalerweise heißt das in der Nähe eines Flusses oder Baches zu schlafen und damit stetig dem Geräusch von fließendem Wasser ausgesetzt zu sein. Nach dem Abstieg vom Pass in ein herrliches, ruhiges, unbewohntes und auch nicht mit Weidetieren bewirtschaftetes Tal, konnte ich das Zelt direkt neben einem Fluss aufschlagen, war dabei aber von einer etwa zehn Meter hohen Abbruchkante vor jeglichem Geräusch geschützt. Murmeltiere waren die einzigen die trillerten als ich dort ankam, aber auch das hatte sich mit dem Schließen des Zeltes erledigt. Eines meiner bisher spannendsten Erlebnisse war sicherlich die Beobachtung eines Schneeleoparden auf der Jagd gewesen, deshalb war ich relativ aufgeregt, als die gesamte Murmeltierkolonie in der Abenddämmerung wieder hektisch zu pfeifen begann. Adler oder sonstige Greifvögel hatte ich an diesem Tag noch keine gesehen, also musste irgendeine andere Bedrohung in der Nähe sein. Bei Gefahr gaben Wächter die Warnsignale immer zum nächsten Unterschupf weiter, also konnte man an der Richtungsänderung der Pfiffe hören, wohin sich die potentielle Murmeltiergefahr bewegte. Das war an der linken Seite an meinem Zelt vorbei. Das Außenzelt war in der Zwischenzeit einen Spalt geöffnet, gerade so weit, dass ich einen guten Überblick an der Vorderseite meines Zeltes und die Gelegenheit für ein Foto hatte. Das Warten und die Hoffnung, wieder einen Schneeleoparden vor die Linse zu bekommen sorgte für einige Spannung, aber nach und nach verstummte das Pfeifen zur vollkommenen Stille in der Nacht. 12 Stunden hatte diese gedauert, denn genau so lange hatte ich ohne Unterbrechung geschlafen. Die Ruhe an diesem Ort war so einzigartig, dass ich mir ernsthaft überlegte, noch ein oder zwei Nächte hier anzuhängen, was aber dann mangels an Verpflegung scheiterte. Auf der Rückseite, keine 20 Meter von meinem Zelt entfernt, waren am Morgen danach frische Leopardenspuren im Sand zu finden – wenn ich also am Vorabend recht gehabt hatte, musste der Bursche hinter meinem Rücken vorbeigeschlichen sein, während ich auf der anderen Seite des Zeltes vergeblich gewartet hatte.

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Kurz nach dem nächsten Pass, eine unverhoffte aber angenehme Begegnung mit Menschen – zwei Hirten, die hier in der Einsamkeit über die Sommermonate in einer halb verfallenen Steinhütte leben und auf Yak’s, Schafe und Ziegen aufpassen. Ihre Hauptbeschäftigung galt dem Käse, der als Laib, zu kleinen Kugeln geformt oder gerieben an der Sonne trocknet. Eine Einladung zu gesalzenem Buttertee, Joghurt, Brot und Tsampa kann man nicht ausschlagen – vor allem das frisch zubereitete „Curd“ ist ein einzigartiger Genuss, nicht vergleichbar mit den in Läden erhältlichen Milchprodukten. Der Verzicht auf die Tagesration Kekse fiel leicht, womit die beiden Hirten wieder ihre Freude hatten. Auf die Erlebnisse des Vorabends angesprochen meinten sie, es sei leicht möglich, dass es sich um einen Schneeleoparden gehandelt hatte. Es gab immer wieder Problem und sie müssten hier höllisch aufpassen. Zwar nicht auf ausgewachsene Yak’s, aber unter Jungtieren, Schafen und Ziegen gäbe es immer wieder Verluste.

 

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Auf die Frage, wie es mit dem Weg nach Dibling aussieht und wie oft man den Fluss bis dorthin überqueren muss, bekam ich einen Finger entgegengestreckt. Sie gaben mir noch zwei selbst geschnitzte Gehstöcke mit auf den Weg und meinten ich solle aufpassen, es könnte etwas schwierig werden. Meine Interpretation, der eine Finger bedeutete eine Überquerung war naheliegend. Die Freude war groß als diese relativ rasch erledigt war, vor allem weil mir im Vorfeld der Tour immer wieder erklärt wurde, das gefährliche an dieser Strecke seien die Flüsse, deshalb werde dieser Weg so selten begangen. Es war auch die letzte Gelegenheit, noch ein Foto zu schießen, weil das mit dem einen Finger war eine Fehlinterpretation meinerseits – sie hatten damit wohl einen Fluss gemeint, der dann in den nächsten Stunden bis zum Abend so an die dreißig Mal zu überqueren war.

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Die nächsten sieben Stunden wurden die gefährlichsten und unangenehmsten meines bisherigen Aufenthaltes in den Himalayas. Die Zeit für Fotos war vorbei, was bei Abenteurern in US-Dokuserien so hervorragend funktioniert, nämlich „Lebensgefährliche“ Situationen „alleine in feindlicher Wildnis“ – meist in Begleitung eines 20-köpfigen Filmteams – zu meistern und gleichzeitig perfekt eingestellt in den Kasten zu bekommen, klappt bei mir leider nicht. Die oberste Priorität heißt zuerst einmal irgendwie durchkommen, erst wenn ich das Gefühl habe, die Dinge sind unter Kontrolle kann ich beruhigt zur Kamera greifen – was an diesem Nachmittag nie der Fall war.

Nachdem ich in die Schlucht eingestiegen war, zogen die ersten Regenwolken auf. Der Himmel wurde vollkommen dunkel, was ein äußerst ungutes Gefühl hervorrief. Die Schluchten in Ladakh sind berüchtigt für ihre Springfluten nach Wolkenbrüchen. Die vegetationslosen Berghänge können das Wasser nicht absorbieren und leiten es ungehindert weiter, binnen Minuten wird aus einem Rinnsal eine hinunterstürzende Wand aus Wasser und Geröll, die alles mit sich reißt was sich auf dem Weg talwärts entgegenstellt. Gerät man dazwischen, sinken die Überlebenschancen gegen Null – während der Flutkatastrophe im Jahre 2009 wurden in dieser Region auf diese Weise mehrere Hundert Menschen getötet, ganze Dörfer weggeschwemmt. Auch in dieser Schlucht dürfte vor nicht allzu langer Zeit eine solche Flut gewütet haben, der ursprünglich bestehende Pfad war nur mehr in Fragmenten vorhanden, Wälle aus Geröll und Treibholz versperrten den Weg. Keine Abdrücke von Pferden oder Menschen war zu sehen, normalerweise ein schlechtes Zeichen, wenn niemand diesen Weg wählt. Das Wetter sorgte für zusätzlichen Zeitdruck und Stress, wobei an ein zügiges Vorankommen unter den gegebenen Bedingungen nicht zu denken war. Klettern hieß die Devise, über Felsen, lose Geröllhalden und rutschigem Untergrund. Je mehr Bäche in den Fluss mündeten, desto stärker wurde die Strömung. Selbst die Strategie, immer die breiteste Stelle für Flussüberquerungen zu wählen half nichts, das Wasser reichte teilweise bis zum Bauchnabel, der Rucksack wurde nass und ohne die beiden Stöcke sowie das zusätzliche Gewicht am Rücken hätte ich das eiskalte Wasser nur schwer überwunden. Einen halbwegs gangbaren Weg zu finden bedeutete auch, hunderte Meter bis zu den Oberschenkeln im Wasser entlang des Flusses zu marschieren, wenn es zu gefährlich schien, entlang der glatten Felswände zu klettern. Stürze im Wasser galt es zu vermeiden, die Chance weggeschwemmt zu werden war einfach zu groß. Zwischendurch ein paar Regentropfen machten gehörig Dampf, steigerten die Bereitschaft an die körperlichen Grenzen zu gehen und mehr Risiko vor allem beim Klettern zu nehmen, was wiederum vermehrt zu richtig brenzligen Situationen führte, auf die ich im Detail nicht eingehen möchte. Wenn ich hier ins Detail ginge, würde mich nicht nur meine Freundin Sabine, sondern wahrscheinlich ein Großteil der Leser für vollkommen bescheuert halten. So richtig zu Regnen hatte es glücklicherweise nicht begonnen. Tags darauf waren beide Schienbeine aufgeschunden, grün und blau gefärbt. Während des Abstiegs durch das kalte Wasser völlig schmerzbefreit, hatte ich von dem nichts mitbekommen.

Die Dämmerung war bereits stark fortgeschritten, als ich den Ausgang der Schlucht und den Oma Chu, den Fluß und das Tal Richtung Dibling erreichte und damit die unmittelbare Gefahrenzone verlassen konnte. Seit der Bewirtung am Vormittag durch die Hirten hatte ich weder Essen noch Trinken zu mir genommen – Trinkwasser war keines zu finden gewesen, weshalb nochmals eineinhalb Stunden mit umgeschnallter Stirnlampe durch die Finsternis stolpernd vergingen, ehe ein geeigneter Zeltplatz endgültig für diesen Tag von Stress und Rucksack erlöste.

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Dieser Nachmittag war das erste Mal, an dem ich das Gefühl hatte nicht Herr der Lage zu sein, die Kontrolle war mir entglitten. Der wetterbedingte Drang schnell vorwärts zu kommen hatte den Verstand vollkommen ausgeschalten. Mir fehlte offenbar die nötige Vernunft und das „Umkehr-Gen“, beides ist manchmal notwendig, vor allem wenn man sich alleine auf solchem Terrain bewegt. Da steht dringend Änderungsbedarf an, weil die bekannt schwierigen, noch offenen Streckenabschnitte des Great Himalaya Trails in Nepal, werden in den kommenden Monaten keine derartigen Ausrutscher verzeihen.

Am Morgen danach in Dibling erfuhr ich, dass es auch eine andere, zwar anstrengende aber dafür ungefährliche Route über zwei Pässe gegeben hätte – die Einheimischen gingen diesen Weg durch die Schlucht nicht mehr, weil er eben als so gefährlich gilt. Ich hatte ihn nur deshalb gewählt, weil er als kürzester in meiner Trekking-Karte eingezeichnet war. Der Treck über die Pässe schien in der Karte leider nicht auf.

Vielleicht 30 Häuser, ein verschlafenes, vom Tourismus fast unberührtes Dorf inmitten einer grünen Oase umgeben von verkarsteten Bergen. Die Bewohner geben sich freundlich und offen gegenüber Fremden, unterscheiden sich durch ihre Natürlichkeit und Authentizität zu den Leuten in den touristisch stärker frequentierten, weiter östlich in Zanskar gelegenen Siedlungen. Gäbe es nicht vereinzelt Sonnenkollektoren auf den Dächern und Musik aus batteriebetriebenen Kofferradios, nichts deutete sonst auf die Gegenwart, auf das 21. Jahrhundert hin.

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Entsprechend der Prognose von Einheimischen hatte es nochmals zwei Tage bis nach Rangdum gedauert, ein sehr mühsamer Pass war noch zu überqueren und ein nennenswerter Fluss zu durchschreiten gewesen. Ich hatte es offenbar auf dieser Strecke mit den Flüssen – eine Stunde zu spät am Ufer angekommen und die Furt war unpassierbar. Mir war gesagt worden, ich solle spätestens um zehn Uhr dreißig auf die andere Seite, danach sei der Fluss wegen der Schneeschmelze zu reißend. Um halb zwölf also keine Chance mehr, an besagter Stelle rüber zu kommen. Wieder das gleiche Spiel – entweder einen Tag warten, oder eine andere Stelle zur Überquerung suchen. Flussaufwärts schien bald eine passende gefunden, breit und dadurch weniger tief. 3 Minuten durch das Wasser bedeuteten im Anschluss 15 Minuten Erholungsbedarf – obwohl ich Topfit und inzwischen sehr erfahren in Sachen Flussdurchquerungen bin, war es wieder eine grenzwertige, körperliche anstrengende Grenzerfahrung. Mit anschließendem Kletterprogramm natürlich. Soviel zu meiner oben angeführten Läuterung – ich glaube, in diesem Leben wird nichts mehr daraus – vielleicht im nächsten dann.

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Bei Regen in Rangdum angekommen, hieß es zuerst einmal die notwendigen Informationen für den geplanten Weg nach Kargil über die Berge und den Wakha La – Pass einzuholen. Extrem herausfordernder Weg, ohne genaue Karte nur schwierig zu finden, wieder ein Fluss, der mindestens sieben Mal entweder ganz früh morgens oder erst im September tagsüber zu überqueren ist und mindestens 5 Tage Gehzeit, dazu kämen noch die durch die Flussquerungen bedingte Verzögerungen. Mein Bedarf an ungewollten Wasserspielen war durch die letzten Tage mehr als nur reichlich gedeckt. Einheimische gingen im Moment nicht, weil es ihnen zu gefährlich schien. Im Gegensatz zu der Schlucht vor Dibling, wusste ich das jetzt im Vorhinein. Also wieder einmal Planänderung: Nach 2 Wochen zu Fuß über weitere 13 Pässe durch das Markha-Valley über Zanskar bis nach Rangdum entschloss ich mich, mit dem Auto die restliche Strecke bis nach Kargil zu fahren.

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36 Stunden Wartezeit, solange hatte es gedauert, bis mich ein Fahrzeug mitnahm. Es gibt zwar eine schlecht ausgebaute Straße, die Padum in Zanskar mit Kargil verbindet – nur es sind kaum Autos unterwegs und wenn, dann sind sie in der Regel überbelegt. Keine 5 Minuten außerhalb des Ortsgebietes von Rangdum sorgte die erste Panne für eine weitere Verzögerung von nochmals vier Stunden.

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Wie auch immer, irgendwann war ich in Kargil angekommen. Die Stadt selbst ist so uninteressant, dass ich kein einziges Foto geschossen hatte. Ich hielt es wie alle anderen auch – eine Nacht in Kargil zu verbringen, um am nächsten Morgen sehr früh in Richtung Westen weiterzureisen. Zu Fuß von hier zum Nanga Parbat zu marschieren, war wegen der politischen Situation zwischen Indien und Pakistan – speziell wegen der Streitigkeiten um die Region Kaschmir – ausgeschlossen. Also Stand mir noch eine lange Busfahrt bevor, bis ich in den Ausläufern des Himalayas in Pakistan meine Tour zum westlichsten der 8000er fortsetzen konnte.

Ohne jetzt dem nächsten Artikel zu weit vorzugreifen und zu stark zu dramatisieren – die Tage in Pakistan hatten eine für mich völlig überraschende, durch sinnlose Gewalttaten bedingte Wende genommen, dass ich sie am liebsten aus meinem persönlichen Erfahrungsrepertoire streichen würde. Also ein wenig warten und reinlesen.
LG Heinz

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