Leh ist die Hauptstadt der Region Ladakh im Bundesstaat Jammu & Kaschmir. In einem grünen Seitental des sonst sehr karstigen Industales gelegen, ist es eine beliebte Anlaufstelle für Trecker aus aller Welt, die zu Ihren Wanderungen aufbrechen oder von Touren zurückkommen. Auf 3500m Seehöhe aus dem Flugzeug gestiegen, hat man hier die erste Gelegenheit zur Akklimatisation bevor es ins südliche Zanskar, ins östliche Chyamtang-Gebiet oder in den Norden nach Nubra und den westlichen Karakorum geht.

Leh ist wie das gesamte Ladakh stark buddhistisch geprägt, wobei man gerade im Zentrum der Stadt direkt neben dem buddhistischen Tempel auch 2 Moscheen finden kann für die stetig wachsende Anzahl der – gegenwärtig sind es ca. 20% – Muslime der Stadt. Die Menschen leben hier relativ friedlich nebeneinander, was aber nicht immer so war. Muslime bleiben unter sich, d.h. sie kaufen nur bei Muslimen ein, während Buddhisten hier keine religiöse Grenze ziehen. Buddhisten essen Fleisch, töten aber keine Tiere (normalerweise) – also sind sie schon aus diesem Grund auf ihre muslimischen Nachbarn, die das Fleischergewerbe fest in der Hand haben, angewiesen.

Das Zentrum der Stadt erinnert wie auch schon zuvor Manali an Kathmandu – Souvenirshops, Restaurants, Trekking-Agenturen, Guesthouses und „German Bakerys“ in denen es alles andere gibt nur kein deutsches Brot, wechseln sich stetig ab, die gleichen Händlertypen wie in Kathmandu stehen vor den Eingangstüren und versuchen mit einfachen Sprüchen in unterschiedlichen Sprachen ihren billigen, industriell gefertigten Ramsch als echte lokale Handwerkskunst an unwissende und unkritische Touristen zu überhöhten Preisen zu verhökern. Die meisten Händler sind Tibeter, die auf eine lange Händlertradition verweisen können, während sich die Ladahis auf die Dienstleistungen und Gastgewerbe konzentrieren. Die Saison ist kurz in Leh, dauert vielleicht vier oder fünf Monate im Sommer, sodass die Händlerschar geschlossen über die Wintermonate in den indischen Süden – vornehmlich nach Goa – weiterzieht, um dort ihrem Geschäft nachzugehen.

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Der Weg von Spiti nach Leh war anstrengend, hatte an den Kräften gezehrt und dementsprechend unangenehm verlief der erste Blick auf die Waage. 17 Kg Körpergewicht hatte ich bereits seit meinem Start in Sikkim verloren, 25 standen von Beginn an zur „Disposition“ – also waren noch 8 Kilo „frei“ zur Verfügung. Dabei hatte ich noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht. Bei erreichen der 70 Kg – Grenze würde ich abbrechen bzw. unterbrechen, da hatte ich vor fünf Jahren auf meinen Wanderungen durch die nepalesischen Himalayas gesundheitliche Probleme bekommen. Außerdem plagte mich seit ungefähr zwei Monaten – seit meiner Zeit in Nepal – eine unangenehme, durch Wind, Sonne und Kälte aufgeplatzte Unterlippe. Auch die gehörte auskuriert, bevor es weiter in Richtung Westen nach Kargil uns Srinagar ging. Also war der Schwerpunkt dieser Tage in Leh der Körperpflege gewidmet – dies hieß Arztbesuche und futtern, futtern, futtern…

Länger als 3 Tage nichts tun, nur herumsitzen ist nicht so meine Sache – weshalb ein in der Nähe gelegener Gipfel für einen 2-tägigen Ausflug herhalten mußte. Der ungefähr 6150m hohe Stok Kangri, in den südlich von Leh gelegenen Stok-Bergen die höchste Erhebung, ist ein sogenannter Trecking-Peak – d.h. man kann als ungeübter Bergsteiger mit Engagement und Kondition leicht die Spitze erreichen.

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(Die Stok-Berge von Leh aus betrachtet – Stok Kangri ist der höchste, rechts gelege Gipfel)

Nicht akklimatisierte Touristen aus dem nahegelegenen Leh benötigen im Schnitt 4 bis 5 Tage für den Aufstieg und die Rückkehr nach Leh. Nachdem ich gut an die Höhe gewöhnt war, konnte ich die Tour leicht in zwei Tagen absolvieren. Eine „light“-Version meines Rucksackes auf dem Rücken war vom Ort Stok aus auf 3300m Seehöhe am ersten Tag relativ rasch das 1500 m höher gelegene Basislager erreicht. Die Attraktivität dieses Berges erkannte man sofort an den unzähligen Gruppen und ihren Zelten im Camp – es war kaum möglich, einen guten Zeltplatz zu finden, ein Zelt reihte sich an das andere – eine etwas ungewohnte Situation nach der Einsamkeit der letzten Tage und Wochen.

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Um ½ 2 Uhr morgens war Aufbruch – am Schein der sich bewegenden Stirnlampen war leicht zu erkennen, dass sich bereits einige von Guides geführte Gruppen auf dem Weg zum Gipfel befanden. Ich hatte weder Ahnung über den exakten Streckenverlauf noch wie lange der Aufstieg dauern würde. Mein Wissensstand war nur, dass ein Gletscher zu überqueren und eine relativ steile Schneerinne zu bewältigen sei wofür man Steigeisen benötige, bevor es über einen felsigen, auf einer Seite ca. 1000 m tief abfallenden steilen Grat zur Spitze ging. Außerdem wurde mir erzählt, dass normalerweise Gruppen vom Basislager bis zum Gipfel ungefähr 7 – 10 Stunden unterwegs seien.

Kamera, Stativ und Steigeisen umgeschnallt konnte ich relativ zügig loslegen – nachdem sich die 40 Kg-Last am Rücken in den vergangenen Wochen als gutes Training erwiesen hatte, war der Aufstieg ohne dieses zusätzliche Gewicht eine leichte Sache, quasi ein „Freiflug“ zum Gipfel. Alle Gruppen vor mir waren rasch einge- und überholt – bis auf eine Gruppe von 3 jungen Männern die ebenfalls alleine, ohne Bergführer unterwegs war und auch ein sehr zügiges Tempo angeschlagen hatten. Nach knapp 4 Stunden ungefähr zur selben Zeit den Gipfel erreicht, war rasch abgeklärt, dass es sich bei diesen Bergsteigern um drei Salzburger handelte, die schon seit längerer Zeit hier in Ladakh zum Trekking unterwegs waren. Nette Burschen – richtige Bergfexen.

Das Wetter war – im Gegensatz zu den letzten Tagen – herrlich, die Leute die Tags zuvor den Gipfel zu besteigen versuchten, mussten kurz davor wegen Nebels und Schneesturms umkehren. Die 3 Salzburger hatten sich in Leh via Internet genau über das Wetter informiert und 3 Tage im Basislager abgewartet, bevor sie zum Stok Kangri aufgestiegen waren. Ich hatte mir wie üblich keine besonderen Gedanken darüber gemacht und einfach, wie halt schon so oft auf dieser Reise, richtiges Wetterglück gehabt. Eiskalter Wind und glasklare Sicht – mehr benötigt man eigentlich nicht wenn man auf einem Gipfel steht und als Lohn für die Mühe denn herrlichen Ausblick genießen kann.

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Bei meiner Abreise hatten mir meine Bine und Freunde als Andenken ein Tuch voller Unterschriften und Glückwünschen mitgegeben – hier ergab sich nun die Gelegenheit, beim ersten Gipfelsieg auf dieser Reise das Tuch aus der Tasche zu ziehen und als kleines Dankeschön in die Kamera zu halten – ich hoffe, dass vor allem in Nepal noch einige Fotos dieser Art dazukommen werden – geplant ist es jedenfalls.

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Am gleichen Tag war ich zurück in Leh gegangen und hatte leider auf diesem Ausflug einen Rückschlag bei der Genesung meiner Lippe hinnehmen müssen. Also hieß es nochmals ein paar Tage mit ausgiebigen Mahlzeiten anhängen, bis das Körpergefühl wieder soweit hergestellt war, um den nächsten Treck über Teileabschnitte von Zanskar nach Westen in Richtung Kargil nehmen zu können.

In der Zwischenzeit war Dalai Lama in Leh angekommen, die Stadt befand sich im Ausnahmezustand. Jeder der sich noch irgendwie von selbst noch bewegen konnte, versuchte entlang der Straße vom Flughafen bis zu seiner, etwas außerhalb von Leh gelegenen Residenz, einen Blick auf das, im Auto vorbeifahrenden buddhistische Religionsoberhaupt, zu werfen. Dementsprechend rege waren auch die religiösen Aktivitäten in den Klöstern der Stadt, zu denen Massen von Gläubigen strömten. Ich selbst bin in Bezug zu allen Religionen ein „Ungläubiger“, mir fehlt einfach das Verständnis für viele Dinge, die gepredigt werden – wahrscheinlich mangelt es an ausreichend Auffassungsgabe. Trotzdem ist so eine buddhistische Zeremonie etwas ganz besonderes, ein bunter Reigen mit besonderem Flair. Es ist faszinierend zuzusehen, mit welcher Hingabe Menschen den Lehren der Lamas und der Rinpochen folgen. Wer im Gebetsraum des Klosters keinen Platz mehr fand, saß heraussen im Hof und folgte über Lautsprecher den Mantras und Gebeten.

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Der Aufenthalt in Leh war länger als geplant – wahrscheinlich auch deshalb, weil ich so gut von den örtlichen Vertretern von Weltweitwandern, Daniela und Tashi Wangeil und ihrem Team, umhegt und betreut wurde. Trotzdem musste ich weiter, Zanskar und der Weg nach Kargil mit weiteren 14 Pässen wartete. Von dieser Stelle aus ein herzliches Dankeschön an die netten Damen und Herren in Leh.

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Der nächste Treck hatte es in sich, vor allem auch deshalb weil es von diesem etwas sensationelles zu berichten gibt. Bis zum nächsten Mal.
LG Heinz

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