Kibber, ein kleiner, auf 4200m Seehöhe gelegener idyllischer Ort 20 Kilometer außerhalb von Kaza im Spiti-Tal war der gewählte Ausgangspunkt für meine Wanderung nach Leh. Bereits 4 bis 5 Wochen zuvor hatte ich Nepal verlassen und in der Zwischenzeit die Treks in Uttarakhand absolviert. Dort bin ich gerade einmal für kurze Zeit auf 4000m raufgekommen, ein Umstand der bei mir dazu führte, dass ich unbemerkt meine Akklimatisation an die Höhe verloren hatte.

In der Nacht vor dem Start war ich gegen 24 Uhr mit starken Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel aufgewacht und konnte trotz Schmerzmedikation nicht mehr weiterschlafen. Alles Symptome die Höhenkrankheit anzeigen – diese sollte man ernst nehmen und normalerweise sofort ein paar hundert Meter nach Unten gehen, bis die Symptome nachlassen. Ich hatte mich aber dazu entschieden, in Kibber zu bleiben und am folgenden Morgen in allerfrüh die einzige Ärztin im Ort aufzusuchen. Sie war in der Lage mir mit Medikamenten soweit zu helfen, dass ich nach einem Tag Wartezeit in Kibber und dem Nachlassen der Symptome verspätet meine Wanderung beginnen konnte.

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Ich hatte keine Ahnung wie lange es dauern würde, bis ich das erste Etappenziel, den Ort Korzog am Tso Moriri (Moriri-See) im Chamtang-Gebiet in Ladakh erreichen würde. Zu allererst war der Pass ParangLa mit 5594m mit einem Gletscher zu überqueren – zum einen war ich etwas verunsichert weil mir wieder alle lokalen „Experten“ versicherten, dass es schwierig wegen des Schnees und des Gletschers werden würde und zum anderen konnte ich die Lage nicht einschätzen, weil ich nicht wusste inwieweit mich die Nachwirkungen der Höhenkrankheit beim Aufstieg beeinträchtigen würden. Deshalb nahm ich sicherheitshalber Verpflegung und Kochbenzin für 10 Tage mit, was meine Last zumindest am Beginn auf etwas mehr als 40 Kg aufblähte.

Normalerweise kann man den ParangLa – Pass und den Gletscher von Kibber aus leicht in 2 Tagen überqueren, auf Grund der körperlichen Beschwerden kurz zuvor entschied ich mich sicherheitshalber einen zusätzlichen Tag zur Akklimatisation im ParangLa Base Camp auf ca. 4900m einzulegen – gerade wenn man alleine unterwegs ist, könnte es schwierig werden bei akut auftretenden, schwerwiegenden Symptomen wie Lungen- oder Gehirnödem gesund wieder herauszukommen. Die kürzeren Tagesetappen zu Beginn bedeuteten aber auch, dass ich mich leichter an die Kilos am Rücken gewöhnen konnte – was ich vor allem später sehr zu schätzen lernte.

Der Aufstieg zum Pass war relativ einfach und natürlich entgegen aller Warnungen und Expertenmeinungen schneefrei. Für Informationen zur Gletscherüberquerung wurde mir in Kibber der buddhistische Lama Tschangtsentubel (so ungefähr wird er ausgesprochen) als Ratgeber genannt, der mir die 1 ½ Stunden der Begehung beschreiben konnte – man sollte auf der richtigen Seite gehen, weil sonst würde es schwierig und mitunter gefährlich werden. Etwas mulmig war mir trotzdem bei der Gletscherbegehung zumute, da es zuvor nicht nur einmal passiert war, dass Leute bei Wegbeschreibungen links und rechts verwechselten. Verstärkt wurde das Unbehagen noch, als ich entlang der beschriebenen Route auf einer schneebedeckten Eisplatte bis über beide Knie in einen eiskalten, mit Wasser gefüllten Gletscherabfluss eingebrochen war – trotzdem musste ich weiter und nach drei weiteren Einbrüchen war ich schließlich sehr froh, wieder festen Boden unter den Sohlen zu haben. Meine Füße benötigten danach mehrere Stunden, um sich von dieser Kälte-Attacke in den durchnässten Schuhen zu erholen.

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Dem Parang-Chu (Parang Fluss) nach Nordosten in seinem breiten, steinigen Flussbett folgend, waren die nächsten Tage von unzähligen Flussquerungen und der Suche nach Trinkwasser geprägt. Die Flüsse führen um diese Jahreszeit bedingt durch die Schneeschmelze zu unterschiedlichen Tageszeiten unterschiedliche Wassermengen, d.h. die Wasserstände steigen in der Regel bis zu Mittag an – Furten die in der Früh noch problemlos zu durchwaten sind, können bereits ein paar Stunden später zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. Dies zeigte sich nicht nur am Parang Chu und seine Nebenflüssen, sondern galt eigentlich für alle Flüsse in den folgenden Wochen und Monaten. Zusätzlich ist zu beachten, dass diese reißenden Flüsse große Mengen an Sedimenten, Steinen und zum Teil auch Schlamm mit sich führen – eine Durchquerung ohne Schuhe schied deshalb für mich aus. Wenn man einen mehrere Kilo schweren Stein auf den Knöchel bekommt oder irgendwie ausrutscht, ist abgesehen vom Schmerz die Gefahr zu groß zu stürzen. Eine Erfahrung die es mit dem Gepäck auf dem Rücken zu vermeiden galt. Einmal im Wasser, würde es schwer werden, wieder zügig ins trockene zu kommen – bei Wassertemperaturen von 2 – 4 Grad Celsius unterkühlt man relativ rasch was fatale Folgen haben konnte, vor allem wenn man alleine unterwegs ist. Klatschnasse Socken und Schuhe führen bei mir schon nach kurzer Zeit zu Blasen an den Füßen. Ich hatte wegen des Gewichts auf ein zweites Paar Schuhe verzichtet, deshalb wurde es mehrmals täglich notwendig die Schuhe und Socken soweit wieder trocken zu bekommen, von Sand und Steinchen zu befreien, um unbeschwert weitergehen zu können.

Den hohen Sedimentgehalt des Wassers konnte man leicht an dessen gräulicher Färbung und der Trübung erkennen – Einheimische trinken dieses Wasser ohne Probleme, bei mir führt es aber zu Durchfall weshalb es immer wieder aufs Neue galt, trinkbares Wasser zu finden. Es ist kaum zu glauben, man bewegte sich den ganzen Tag auf einer Seehöhe von 4500 – 4800m bei 30 Grad Außentemperatur entlang verschiedener Flüsse und trotzdem war es extrem schwierig, Trinkwasser aufzutreiben. Die Länge der Tagesetappen richtete sich deshalb nicht nach meiner Lust und Laune oder dem Erschöpfungsgrad, sondern der Möglichkeit an einen Zeltplatz mit Frischwasser in der Nähe zu campieren. Ohne genaue Ortskenntnis ist das reine Glückssache, weshalb so lange weiterzugehen war, bis eine passende Stelle gefunden war. Wanderungen in die Dunkelheit, 13 – 14 Stunden und 40km Streckenlänge an manchen Tagen waren deshalb Bestandteil dieses Trecks nach Leh.

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Am fünften Tag war ich so aufs weiterkommen konzentriert, dass ich die Abzweigung ins richtige Tal übersehen hatte und Richtung China weiterlief anstatt zum Tso Moriri abzubiegen– 28 km Umweg und ein paar Stunden Verärgerung waren die Folge. In dieser Gegend sind so wenige Menschen unterwegs, dass es sogar möglich ist sich äußerst scheuen Wildtieren wie Blue Sheep auf 20 Metern zu nähern, ohne dass sie sofort die Flucht ergreifen.

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Am Morgen des sechsten Tages war es dann endlich soweit – die ersten Menschen seit meinem Start in Kibber. Eine ca. 100 Mann starke Patrouille der indischen Armee in Sachen Grenzsicherung zum Nachbarn China unterwegs, war dermaßen auffällig und geräuschvoll mit dem Abbau ihres Nachtlagers beschäftigt, dass man schon von weitem dieses bunte Treiben beobachten konnte – offensichtlich war nicht Deckung sondern Präsenz zeigen das Ziel. Die Herren waren äußerst umgänglich und nett, luden mich zu einem 2. Frühstück ein und gaben mir ein paar Informationen für die weitere Strecke in Richtung Korzog, dem ersten am Tso Moriri gelegenen Ort.

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Etwas später dann die ersten Nomaden. Sie ziehen mit ihren Tieren im Sommer auf die Weidegründe südlich des Sees gelegen und verbringen dort 2 bis 3 Sommermonate. Seit dem China vor mehr als fünfzig Jahren Tibet annektiert hatte, leben in der Grenzregion Chyamtang zusätzlich zu den Nomaden aus Ladakh noch ungefähr 2500 tibetische Nomaden ohne rechtlichen Status – d.h. sie können nicht auf staatliche indische Hilfe bauen, zur Schule gehen oder irgendeinen Beruf ausüben.

Das erste Aufeinandertreffen war eigenartig – sie waren nicht freundlich, aber auch nicht abweisend, dürften nicht so oft auf Touristen treffen und waren sehr erstaunt, dass ich mein Gepäck selbst mit mir herumschleppe. Mehrere Familien teilen sich eine Weidefläche für Schafe und Ziegen. Die Tiere werden täglich gemolken und die Milch zu Käse verarbeitet. Die Wolle wird den Ziegen mit einer Art Kamm ausgerupft und nicht geschoren, worüber die Tiere – zumindest den Lauten nach, die sie von sich gaben – nicht besonders erfreut schienen. Die Menschen sind dunkler als üblich in der Region, die Haut ist von Wind und Wetter gegerbt, deshalb war es für mich überhaupt nicht möglich, mein jeweiliges Gegenüber vom Alter her einzuschätzen.

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Die letzten 25 Kilometer entlang des Sees bis zum Ort Korzog waren sehr einfach und leicht zu bewältigen. Von der Armee-Patrouille hatte ich die Information erhalten, dass es entlang des Ufers kein Trinkwasser gäbe – sie selbst mussten auf dem Teilstück Durst leiden, der See selbst enthält ungenießbares Brack-Wasser. Deshalb hatte ich an der vermeintlich letzten Wasserstelle nochmals 4 Liter Trinkwasser zusätzlich in meinen Rucksack verladen, weshalb meine Augen nochmals um 2 mm weiter aus den Augenhöhlen hervortraten. Im Nachhinein hatte sich dieses Information als falsch erwiesen, weil ich bis Korzog ohne großen Aufwand 5 Wasserstellen ausmachen konnte. Ich hoffe für Indien, dass die Herren Landesverteidiger bei der Grenzsicherung um einiges umsichtiger sind als beim Auffinden von Trinkwasser.

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In Korzog konnte ich dann die Verpflegung für die zweite Hälfte des Trecks auffrischen – Suppe, Tee und Kekse nachkaufen und als verantwortungsvoller Trecker natürlich den bis dahin gesammelten Kunststoff-Müll sachgerecht entsorgen. In Korzog hatte ich auch die ersten Touristen getroffen – und wie es der Zufall will, ein pensioniertes Wiener Lehrerehepaar die mit dem Jeep einen Ausflug an diesen See gemacht hatten.

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Die nächsten sechs Tage vorbei am Tso Kar (Salzsee) weiter nach Leh waren dann zwar auf Grund der langen Tagesetappen sehr anstrengend, aber wenig spektakulär. Diese Strecke wird sehr gerne von Trekkingtouristen in Gruppen gegangen, weil sie relativ einfach in einer wundervollen Berglandschaft zu bewältigen ist. Nachdem ich ein bisschen schneller unterwegs war, konnte ich innerhalb von sechs Tagen noch weitere zwölf Pässe überqueren, wobei ich auf diesem Weg sehr häufig auf entgegenkommende Wandergruppen gestoßen war.

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Ein wenig Aufregung war dann am letzten Morgen noch aufgekommen, als ich um 4 Uhr früh im Dunkeln mit der Stirnlampe eine Schlucht absteigen musste. Ich wollte den Bus nach Leh im nächsten Ort erreichen, der um 8 Uhr abfuhr, weil es der Einzige an diesem Tag war. Flussüberquerungen und Felsenklettereien bei relativer Finsternis bereiten einen besonderen Kick, wie ich jetzt aus Erfahrung berichten kann. Jedenfalls hatte ich um 7 Minuten vor Abfahrt den Bus in Shang Sumdo erreicht und war eine halbe Stunde später in Leh.

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Der nächste Bericht kommt aus Leh und von der Besteigung des ersten Berges – ein unkomplizierter Gipfelsieg auf ca. 6150m.
Lg Heinz

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