Indien, die größte Demokratie der Welt mit seinen hunderten Ethnien, Sprachen und Göttern gehört adminstriert – genau, umständlich und langsam. Hier im Land der Salzämter, im Norden, in den Bergen an der Grenze zu Tibet benötigt man für alles eine Genehmigung. Meistens sind dafür zwei Behörden zuständig, entweder die Bezirksverwaltung oder die Forstverwaltung und in der Regel die I.T.B.P.F – die Indo Tibetean Border Police Force. So eine Art militärischer Grenzschutz, der für die Sicherung der 3844 km langen Grenze zu Tibet/China verantwortlich ist. Im Gegensatz zu Nepal, verstehen die Inder im grenznahen Gebiet zu Tibet keinen Spaß, zeigen Null Toleranz wenn es darum geht sich etwas abseits der offiziell genehmigten Routen aufzuhalten. Man könnte den Eindruck gewinnen, die beiden Länder befänden sich zumindest emotionell im Krieg – realpolitisch gibt es seit Jahrzehnten ausreichend Stress wegen der ungeklärten Grenzziehung in Arunachal Pradesh (Ost-Indien), aber auch macht- und wirtschaftspolitisch rittern die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde um Vormachtstellung und Einfluss im südasiatischen Raum. Das geht sogar soweit, dass es verboten ist detailgetreue Landkarten zu besitzen, weshalb es in Indien auch nicht möglich ist welche aufzutreiben.

Wenn so viel große Politik im Spiel ist, kann das natürlich nur negative Auswirkungen haben auf die Trekkingbedürfnisse vom kleinen Heinzi. Im Klartext hieß das, dass fast meine gesamte geplante Route in Uttarakhand nicht genehmigt wurde. Auf die Frage was man machen könnte, kommt von offizieller Seite die Antwort: „Go to Dehli to he ministry“. Bei Trekking-Agenturen nachgefragt erhält man die Auskunft, dass man sich diese Arbeit sparen kann, weil es erstens sehr lange dauert und zweitens nur Gruppen mit indischer Beteiligung die Genehmigung erhalten.

Mir blieben also als Fragmente meiner Tour von Munsiyari aus vorerst nur der Weg hinauf zum Nanda Devi (der höchste Berg innerhalb Indiens) Base Camp und zum Milam Glacier, um zumindest etwas in den Gharwal Himal zu gelangen. Ein normaler, touristischer, häufig begangener Treck, der an sich beschränkt herausfordernd und gut erschlossen ist, wobei man aber seine Verpflegung selbst mitnehmen sollte.

Aber auch dafür benötigt man eine Genehmigung in 3-facher Ausfertigung, bei der Bezirksverwaltung in Munsiyari beantragt und von der I.T.B.P.F abgesegnet. Ein ausgefülltes Formular (nur auf Hindi verfügbar), ein frei verfasster Antrag in dem man beschreibt was man tun möchte und eine notariell beglaubigte, eidesstattliche Erklärung dass man genau nur das tut was man beantragt hat und zwar auf eigenes Risiko.

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Die Bezirksverwaltung von Munsiyari befindet sich in einem abgezäunten Areal inmitten des Ortes, untergebracht in kleineren, einzeln verstreuten Bungalows. Alleine für meinen ersten Versuch diese Genehmigung zu erhalten, musste ich einen riesen Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung vorwärts machen. Geduld und Gelassenheit gehören normalerweise nicht zu meinen Stärken, die geballte Beamtenschaft von Munsiyari lehrt sie kostenlos in Form eines Crash-Kurses.

Der Raum im Formular-Bungalow war abgedunkelt, der Schreibtisch unbesetzt. Am regelmäßigen, lauten Atmen konnte man aber hören, dass sich jemand im darin befinden musste. In einer der hinteren Ecken konnte man im Halbdunkel den Formular-Beamten auf einer Holzbank schlafend erkennen, mein Eintritt störte ihn nicht im Geringsten. Der erste Zuruf meinerseits wurde mit unverständlichem Hindi-Gebrummel beantwortet, der Zweite auch – allerdings unterstützt durch einige eindeutige Handbewegungen, die mir zu verschwinden signalisierten. Beim dritten Zuruf setzte er sich schlaftrunken auf, schlurfte mit halbgeschlossenen Augen ohne mich anzusehen an mir vorbei ins Freie, nahm auf eine Steinmauer platz und schlief sitzend weiter.

Ok, gewisse Dinge muss man einfach akzeptieren so wie sie sind – also weiter zum nächsten Bungalow. Dort sitzen die Beamten bereits vor dem Gebäude auf der Steinmauer und trinken Tee. Meine Frage nach Formular und Genehmigung konnte keiner beantworten, weil zum einen keiner Englisch spricht und zum anderen offensichtlich niemand dafür zuständig war.

Ein Blick zurück zum ersten Gebäude offenbarte, dass offensichtlich Leben in den Siebenschläfer eingekehrt war. Eine Kuh war in der Zwischenzeit auf dem Gelände aufgetaucht und hatte seine Aufmerksamkeit erregt – ob heilig oder nicht, die haben anscheinend nichts am Gelände zu suchen – die Kuh läuft hinters Haus und die Schlafmütze stolpert mit lautem Geschrei hinten nach.

Meine Frage nach dem 1.Officer, also dem Chef dieser Hochburg wurde belächelt und verneint – den gäbe es hier im Moment nicht, ebenso keinen Vize, der sei gerade unterwegs.

Mann und Kuh waren inzwischen auf der 3. Runde um das Haus – er schreit sie muht. Bei der Geschwindigkeit der beiden war ich mir nicht mehr sicher wer hinter wem her war – Mann hinter Kuh oder Kuh hinter Mann…

Ich versuchte zu erklären, dass ich jetzt 40h in verschiedenen Bussen gesessen bin um nach Munsiyari zu gelangen und am nächsten Tag dringend zum Nanda Devi aufbrechen möchte – also dringend diese Sch…. Genehmigung benötige. Außerdem würde ich hier nicht vorher gehen, bevor ich diese Genehmigung in meinen Händen hätte. Alles klar und kein Problem, nur innerhalb der nächsten 3 Tage gäbe es sicherlich keine Genehmigung. Weshalb konnte ich leider nicht verstehen.

Die beiden Dauerläufer waren ungefähr auf der 5. Runde als sie hinter dem Haus verschwanden und danach nicht mehr auftauchten. Man konnte nur vermuten was geschehen war, vielleicht hatten sie sich auf ein Glas Milch direkt von der Zapfsäule geeinigt.

Mir wurde von der versammelten Beamtenrunde erklärt, ich solle mich setzen, ein Glas Tee trinken und erst einmal warten. Auf was warten? Konnte eigentlich keiner erklären, aber wichtig sei eben sitzen, Tee trinken und warten. Weiter Einwürfe meinerseits wurden gekonnt ignoriert.

So lange Busfahrten sind anstrengend, meine Nerven waren schwach, also gab ich vorerst einmal w.o. und zog ohne Formular und Genehmigung ab. Auf dem Rückweg saß mein Formular-Beamter bereits wieder auf seiner Steinmauer und döste vor sich hin, die Kuh war verschwunden. So eine Kuhjagd war schließlich anstrengend, davon musste er sich danach erst einmal erholen.

Zurück im Hotel konnte ich den Besitzer des Hauses dazu überreden, für mich diese Genehmigung zu organisieren. Mit seiner Unterstützung war es mir dann doch gelungen, innerhalb von 2 h die notwendigen Papiere mit all den geforderten Stempeln in Händen zu halten.

Die ersten beiden Tage in Richtung Milam Gletscher waren extrem anstrengend. Es war heiß und ich war zum ersten Mal alleine mit dem vollen Gepäck und Verpflegung für 6 Tage unterwegs. Geschätzte 40 Kg am Rücken –obwohl ich in der Zwischenzeit sehr gut an 30 Kg Gewicht aus der Zeit in Nepal gewöhnt war, war die Mehrlast zu Beginn der Tour eine große Herausforderung. Die Strecke in Richtung Garwahl Himal bis zum Gletscher ist nicht besonders schwer – stetig bergauf durch enge bewaldete Täler, die sich mit zunehmender Höhe weiten und den Blick auf die schneebedeckten Berge so nach und nach freigeben. Gerade jetzt im Juni wird man beim Aufstieg zum Gletscher unzähligen Schaf- und Ziegenherden begleitet, die über die Sommermonate in die höhergelegenen Täler getrieben werden.

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Auf dem Weg vom Milam-Gletscher zum Nanda Devi Base Camp wollte ich mir einen Umweg von ca. 15 km ersparen, indem ich eine äußerst fragwürdige Brücke überquerte. Auf Grund ihres Zustandes war ich mir nicht sicher, ob sie mich und mein Gepäck aushalten würde. Deshalb hatte ich den Rucksack abgenommen vor mir her über die Brücke getragen. Sollte sie einbrechen, so hätte ich wenigstens die Chance aus dem Wasser zu kommen. Mit dem Gepäck auf den Rücken geschnallt, würde mir das sicherlich nicht gelingen.

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Man kommt immer wieder an so kleineren, halb verlassenen Dörfern vorbei, in denen fast ausschließlich nur mehr ältere Menschen leben. Die jüngeren sind aus den rauen Bergen in tiefergelegene Orte wie z.B. Munsiyari oder gar nach Dehli gezogen.

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Auf dem Weg zum Nanda Devi Base Camp hinauf sind mir zwei alte Männer entgegengekommen, die ebenso wie ich schwere Last auf dem Rücken trugen. Jedoch waren die beiden sicherlich gegen 80 Jahre alt.

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Das Base Camp selbst ist nichts anderes als eine weite Hochebene auf ca. 4.000m, wo sich Hirten mit ihren Schafherden aufhalten – ein idealer Platz zum campen mit wunderschönem Ausblick.

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Obwohl ich auch noch zum Advanced Base Camp in den Nanda Devi Gletscher aufgestiegen war, konnte ich auch zeitig in der Früh die Bergspitze wegen einer Wolkenhaube nie zu Gesicht bekommen. Die Entscheidung war für mich ob ich noch einen Tag anhängen sollte um es am nächsten Tag nochmals zu probieren. Aber nach Rücksprache mit Hirten hatte ich mich zum vorzeitigen Abstieg entschieden. Laut ihren Aussagen sei das schon seit mehreren Tagen so gewesen, also die Wahrscheinlichkeit auch in den nächsten Tagen nur einen wolkenverhangenen Berg zu sehen sehr groß.

Der Abstieg lief wie geschmiert, ich hatte mich in der Zwischenzeit auch an diese Last gewöhnt, sodass ich am letzten Tag innerhalb von 11 Stunden die letzten 36km bis zum ersten Ort mit Jeep nach Munsiyari runtergehen konnte.

Weiter geht es an die Quelle des Ganges.
LG Heinz

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