Von Jufal aus hatten wir uns zuerst direkt in Richtung Norden fast bis zur tibetischen Grenze durchgeschlagen, um dann in einem 180° Bogen wieder nach Süden bis nach Dho Tharap zu marschieren. Bis dorthin waren unkomplizierte, bis auf den täglichen Regen durchaus angenehme 9 Tage vergangen. Ab Dho Tharap konnten wir unseren Kompass wieder nach Osten ausrichten – fast kerzengerade führt der GHT der aufgehenden Sonne bis nach Kagbeni im Mustang-Tal entgegen. Die Pässe wurden steiler und höher, das Terrain einsamer und schwieriger und selbst die Temperaturen verschärften sich auf bis zu -15° in der Nacht – einzig das Wetter kam uns etwas entgegen, denn nachdem wir Dho verlassen hatten, hörte der Regen auf und ging lediglich in ein- oder zweimaligen abendlichen Schneefall über.

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Bereits am ersten Abend hatten wir mit Schneefall zu kämpfen, als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein Hirtenlager nahe einer Wasserstelle erreichten, an dem sich problemlos unser Zelt dazustellen ließ. Die größte Herausforderung war es, bei diesen Witterungsbedingungen an unserem Zeltplatz alle Yak-Fladen beiseite zu räumen – man würde auf diesen wahrscheinlich etwas weicher liegen, aber mit Rücksicht auf unsere Riechorgane konnten wir gerne darauf verzichten.

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Die Nacht war frostig, und obwohl die Temperaturen sicherlich nicht unter -10 Grad fielen, konnte ich mich in meinem Schlafsack trotz mehrerer Schichten Bekleidung nicht so richtig erwärmen. Das war ein schlechtes Zeichen – bisher hatte ich selbst bei tieferen Temperaturen ausgezeichnet geschlafen. Aber die letzten Monate hinterließen auch bei meiner Ausrüstung Spuren der Abnützung – mir war bereits mehrmals aufgefallen, dass auffallend viele Daunen nach dem morgendlichen Zusammenräumen im Zelt herumlagen – für meine weitere Tour von Oktober bis Dezember erwarte ich mir nächtliche – 25° Grad oder noch weniger – also muss ich meinen Kuschelsack in Kathmandu gegen einen neuen tauschen. Die Hirten aus dem Nachbarszelt hatten uns am Morgen mit einem herrlichen Frühstück versorgt – Butter-Tee, Curd (frisch zubereitetes Yak-Joghurt) und Fladenbrot – zwischendurch eine willkommene Abwechslung zu unserem täglichen Porridge.

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Auf unserem weiteren Weg waren wir auf mehrere solcher Hirtensiedlungen gestoßen – in der Regel bestehen sie aus drei bis vier Zelten, in jedem lebt eine Familie. Vor dem Zelt schaut die Frau darauf, dass alles ordentlich und nett ist – hinter dem Zelt werden aber die leeren Bierdosen von den Männern arglos weggeworfen. Das mit der Müllentsorgung und dem Umweltschutz ist nicht nur hier sondern generell in den gesamten Himalayas ein Problem. Vor allem seit China mit seinen billigen Suppen, den gefakten Getränken wie Red Bull oder Budweiser-Bier diese Gebiete überschwemmt, kommen die Konsumenten mit dem unverrottbaren Verpackungsmaterial nicht zurecht und werfen es einfach in die Landschaft. Es ist natürlich schade, wenn man in so einer idyllischen Landschaft alle paar Meter über Abfall stolpert, aber die Menschen die hier leben haben sich offenbar daran gewöhnt. In wenigen Ausnahmefällen war ich selbst froh, auf diese Spuren der Zivilisation zu stossen. Wenn ich alleine unterwegs war, konnte ich es als sicheres Zeichen deuten, dass ich mich doch auf dem richtigen Weg befand – es war nicht nur einmal, dass ich die Entscheidung welchen Weg ich wählen sollte auf Grund des Abfalls getroffen hatte.

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Unser Ziel war es, etwa 2 Tage vor Kagbeni einen scharfen Schwenk nach Süden einzulegen, um Abseits des GHT entlang einer Nebenroute über den Dhampus-Pass in das ca. 5.200m hohe Hidden-Valley aufzusteigen. Von dort aus sollten wir einen herrlichen Blick auf das etwas südlicher gelegene Daulaghiri-Massiv erhalten. Mein übergeordneter Plan ist, auf der Reise durch die Himalyas zumindest von allen der zehn 8.000er passendes Fotomaterial mitzubringen. Vor fünf Jahren war ich im Hidden-Valley kläglich gescheitert – 3 Tage Schneetreiben hatten es damals nicht zugelassen, zum geeigneten Aussichtspunkt am French Col zu gelangen und auch nur ein brauchbares Foto vom Daulaghiri zu schießen. Dies sollte sich diesmal grundlegend ändern. In Charka Bhot nahmen wir deshalb die letzte Gelegenheit war, unsere Vorräte aufzufrischen und nach der mühevollen Überquerung des 5.450m hohen Niwar-Passes und der anschließend fröstelnden Nacht bei – 15° Grad waren wir am Morgen des 13. Tages voller Tatendrang gestartet.

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Wie so oft im Leben, begann alles mit einem Missverständnis. Nach Auskunft mehrerer Karawanenführer war der Weg für uns klar – nach der ersten Brücke immer rechts halten, dann sollten wir zum Pass und anschließend in das gelobte Tal kommen.

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Eine sehr unangenehme, enge Schlucht war zu durchqueren – der erste (und auch letzte) Hirte den wir in diesem engen Gewinde aus Wasser und Fels antrafen, sorgte mit seiner Auskunft für Verwirrung – wir waren grundsätzlich richtig, sollten aber den oberen Weg nehmen, dann müssten wir den Fluss nicht mehrmals durchqueren. Etwa 70 Meter über dieser Schlucht befand sich zu unserer linken Seite ein Plateau, das wir nicht einsehen konnten – aber für uns war klar, dass sich dort dieser Weg befinden musste. Seitlich in ein noch engeres und steileres Tal eingebogen, folgte wir dem Lauf des Nebenflusses, bis wir nicht mehr so richtig weiterkonnten – also entschied sich Suman, eine Wand hochzuklettern um auf das Plateau zu gelangen, ich wollte in der Zwischenzeit am Flusslauf warten. Nach 30 Minuten unter Todesangst (wie er mir anschließend gestand) hatte er es geschafft – er war auf das Plateau gelangt. Das Rauschen des Flusses war aber so geräuschvoll, dass keine normale Verständigung über die Entfernung möglich war. Aus seinen Armbewegungen deutete ich fälschlicherweise, wir seien grundsätzlich richtig, nur ich solle weiter Flussaufwärts den Aufstieg vornehmen. Die vermeintlich passende Rinne war bald gefunden, aber der Aufstieg klappte nicht – der Untergrund war zu lose und die Wand war zu steil. Die Nachbarrinne schien geeigneter also wieder runter und dort den nächsten Versuch starten. Ich habe keine Ahnung, wie lange es gedauert hatte, aber mit genügend Schwung und Ausdauer, sowie einer völlig falschen Einschätzung der Lage war ich 40m über den Fluss an einen Punkt gelangt, an dem es für mich kein weiterkommen gab – leider aber auch kein Zurück mehr. Durch den Rucksack und die Fototasche in meiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt hatte ich einen Standplatz, an dem ich mich kaum rühren konnte – jeweils mit dem linken und rechten großen Zehen auf einer schmalen Felskante sowie eine Hand an einem Felsen – das wars. Nach über einer Stunde unter lautem rufen in der Wand gefangen, begann ich zu überlegen was ich als erstes werfe – den Rucksack oder die Fototasche. Ich musste beide Dinge loswerden, ansonsten sah ich keine Chance ohne Sturz aus der Situation wieder herauszukommen. Zwischendurch konnte ich das Lachen nicht verhalten, weil wenn ich so durch meine Beine hindurch nach unten sah, war es unvorstellbar, wie ich es so weit die Wand hinauf geschafft hatte. Der Anblick musste für Außenstehende ein Bild für Götter gewesen sein. Suman reagierte auf meine Rufe zuerst nicht, weil er selbst mit dieser Wand zu kämpfen hatte. Beim Abstieg vom Plateau hatte er 200m weiter Flussabwärts ernsthafte Probleme – den Weg den er zum Aufstieg genutzt hatte konnte er nicht zurück, er musste sich einen neue Route durch die Wand suchen. Dabei hatte er sich selbst verstiegen und kam nur durch den gezielten Abwurf seines Rucksackes heil wieder runter. Irgendwann trafen sich unsere Rufe, er konnte mir ein Stück entgegensteigen und sowohl Fotoausrüstung und Rucksack ungefährdet nach unten bringen. Mein eigener Abstieg war auch ohne Gepäck nicht so einfach, aber mit viel Glück und ein paar kleineren Schrammen war ich nach einer weiteren halben Stunde bei meinem Gepäck am Fluss.

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Auf dem Plateau befand sich selbstverständlich kein Weg, den hatten wir beim Aufstieg in dieses Seitentals in der Nähe des Hauptflusses schlicht übersehen. Bei dieser eher stümperhaften Kletterei waren mehrere Stunden vergangen, der Weg entlang der Hauptschlucht wurde immer schlechter, also entschied ich mich an diesem Tag früher als sonst das Zelt an einer geeigneten Stelle aufzuschlagen – wie sich herausstellen sollte, die einzige Weise Entscheidung innerhalb von zwei Tagen. Wären wir am Nachmittag weiter gegangen, hätten wir mit Einbruch der Dunkelheit die ganze Nacht stehend in einer Felswand verbringen müssen. So aber konnten wir am nächsten Morgen frisch ausgeruht für fünf Stunden den gefährlichsten und unangenehmsten Steig meines gesamten Aufenthaltes in den Himalayas hinter uns bringen.

Nach meinen bisherigen Erlebnissen zu Folge könnte man meinen, lernen und Erkenntnisse zu gewinnen fällt extrem schwer. Es fängt eigentlich immer gleich an, man wird irgendwie in die Situation hineingezogen. Zu Beginn sind die geländebedingten Herausforderungen noch leicht zu schaffen. Irgendwann kommt eine schwierigere Passage, die man mit etwas Mut und Überwindung hinter sich bringt, darauf folgt die Nächste und wieder die Nächste bis man an den Punkt kommt, an dem es vermeintlich überhaupt nicht mehr weiter geht. Der Gedanke ans Umkehren setzt sich zum ersten Mal fest, aber nach Abschätzung der bereits überwundenen schwierigen Stellen kommt man zum Schluss, dass der Rückweg zumindest gleich gefährlich ist wie das weiterklettern. Also weiter, weiter, weiter – es gab nur einen Weg und der hieß vorwärts.

In Ladakh hatte ich eine ähnliche Situation zu bestehen, dort war ich alleine für sieben Stunden eine Schlucht unter halsbrecherischen Bedingungen hinunter gestiegen und musste dabei sicherlich 30 Mal einen reißenden Fluss durchqueren. Diesmal waren wir zu zweit unterwegs – aber immer 100m bis 150m über der Schlucht, der Weg war oftmals unterbrochen und rutschig über Fels und Geröll. Die Abhänge waren so steil, dass ein Fehltritt nicht das Abrutschen sondern den freien Fall in die Schlucht zur Folge gehabt hätte. Einige Stellen konnten wir nur dadurch passieren, in dem einer ohne Gepäck vorging und der andere dieses nachgab. Stellen von 6 bis 7 Metern mit nur 3 festen Tritten waren mit Schwung zu überwinden – war man zu langsam schaffte man die Schritte nicht. Steine, von denen man schon vorher wusste, dass sie brechen werden wenn man auf sie steigt – aber trotzdem blieb keine Wahl und wir mussten rüber. Der Vortag mit dem kurzen Ausflug in die Wand war ein Klax – Suman sagte mir nachdem wir alles durchstanden hatten, dies war seine bisher aufregendste und zugleich schlimmste Zeit und seinem Bergleben – er sprach von „deadly beautiful“. Mir ging es ähnlich – so dunkelschwarze Gefühle, so intensive Konzentration und persönliche Überwindung hatte bisher noch keine Passage in den letzten 6 Monaten von mir abverlangt. Leider war es mir wie immer nicht möglich, wenn es richtig „eng“ wurde, Fotos zu schießen.

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Nach ungefähr 5 Stunden hatten wir das Gröbste überstanden, in einer Felsnische war genug Platz und Frischwasser vorhanden, um Tee zu kochen und neue Kräfte für den anschließenden Aufstieg durch die Wand zu sammeln.

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Auch dieser Horror-Trip hatte sein Ende, das Tal weitete sich, die Wege wurden moderater und fast übergangslos konnten wir über eine grüne Wiese dem Pass entgegenschreiten. Die Geländeformation stimmte mit der Karte überein, frohen Mutes sollten wir noch am gleichen Tag das Hidden-Valley erreichen, um dort unser Camp aufzuschlagen. Irgendwann war der Pass in Sicht und die Vorfreude gab genug Motivation, um auch diese letzte Hürde an diesem Tag in zügigem Tempo zu überwinden.

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Die Kinnlade fiel aus dem Gesicht runter bis zu den Schuhsohlen. Dieses Ausmaß an persönlicher Überwindung, Anstrengung und Lebensgefahr, um zum Dhampus-Pass zu gelangen und dann das. Wir waren nicht am Eingang zum Hidden-Valley sondern wieder am Niwar – Pass, von dem wir zwei Tage zuvor aufgebrachen. Vor uns lag nicht das Daulaghiri-Massiv sondern die Anapurna-Range. Wir waren im Kreis gelaufen, hatten durch unrichtige Auskünfte das falsche Tal gewählt und auf einer nicht in der Karte gekennzeichneten Route einen beliebigen Gebirgsstock umrundet. Im Nachhinein war es für mich leicht, den Fehler zu eruieren – ich hatte mich auf die Aussage der Ortsansässigen verlassen, ohne mit GPS und Karte den Weg zu kontrollieren. Die Verwunderung und Enttäuschung war groß, die Zeit lief uns davon und die sorgsam geplanten Vorräte gingen zur Neige – wir mussten wieder in diesem kalten Tal mit seinen tiefen Temperaturen übernachten und hatte eigentlich keine Chance mehr, einen neuerlichen Versuch ins Hidden-Valley zu starten. Also war auch der zweite Versuch, zum Fuße des Daulaghiri zu gelangen gescheitert.

Im nächsten Ort hatten wir mit Einheimischen über unsere Versuch gesprochen – die bestätigten uns einhellig, dass wir Glück im Unglück gehabt hatten. Erstens weil wir diesen Weg durch diese Schlucht ohne gröbere Verletzung hinter uns gebracht hatten und zweitens, weil es im Moment unmöglich gewesen wäre, den Dhampus Pass von dieser Seite ohne Kletterausrüstung zu überqueren. Eine zig-Meter hohe Eiswand sei zu passieren – bei meiner latenten „Umkehr-Schwäche“ hätte das bei weitem schlimmer enden können (wie das nächste Foto zeigt).

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In Saldang, der letzten Siedlung vor Kagbeni nochmals gut zu Mittag gegessen und neue Vorräte gekauft, hatten wir nur noch eine Übernachtung und wenige Stunden Gehzeit bis zu unserem Ziel.

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Ich habe keine Ahnung, ob ich es auf dieser Tour noch schaffen werden, über eine andere Route den Aufstieg ins Hidden-Valley in Angriff zu nehmen. Nach meiner Rückkehr nach Kathmandu reise ich so schnell wie möglich nach Lukla weiter, um über den Mera Peak nach Norden bis zum Makalu Base Camp zu gehen. Dort hatte ich im Mai meinen Weg entlang des GHT unterbrechen müssen. Vom MBC geht es über die hohen Pässe in Richtung Westen, wenn nichts aufregendes dazwischen kommt, sollte ich nach acht bis neun Wochen von der anderen Seite wieder in Kagbeni sein. Normalerweise ist Anfang Dezember in dieser Region so viel Schnee, dass der Dhampus-Pass selbst über eine einfacheren Steig nicht zu überqueren ist – wir werden sehen, vielleicht klappt es trotzdem mit mir und dem Daulaghiri.

Lg Heinz

PS: Von wegen Gefährlichkeit in den Bergen – im Vergleich mit der nepalesischen Luftfahrtindustrie sind wir wahre Waisenknaben. 6 Tage nachdem wir in Jufal mit dem Flugzeug gelandet waren, ist auf diesem Flughafen die gleiche Maschine zerschellt – Totalschaden. Eine Woche bevor ich von von Kathmandu nach Lukla fliege ist auf dieser Linie ebenfalls ein Flugzeug runtergefallen – 19 Tote.

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